Ephraim auf dem Weg – 16. Das Ende vom Anfang
– Beachte: Dies ist Teil 16 von “Ephraim auf dem Weg” – Weitere Teile –
Nadav saß auf einem Felsen und schaute auf den großen Fluss. Es war noch vor Sonnenaufgang, aber es dämmerte bereits. Nachdem er sich stundenlang hin- und hergewälzt hatte und nicht mehr richtig schlafen konnte, war er aufgestanden. Irgendetwas machte ihn unruhig. Aber er konnte noch nicht genau sagen, was es war.
Nur wenige Meter von ihren Zelten entfernt und nicht weit von der Grenzstation hatte er diesen stillen Platz gefunden.
Nachdem sie gestern mit den Wachmännern gesprochen und das Angebot bekommen hatten, für zehn Wochen ins Verheißene Land zu gehen, hatten sie noch stundenlang im Gras gesessen und diskutiert, ob sie dieses Angebot annehmen sollten oder nicht. Doch was blieb ihnen anderes übrig? Wieder zurückgehen? Auf bessere Zeiten warten?
Insofern waren sie sich einig: Sie wollten ins Verheißene Land – und sei es nur für zehn Wochen. Aber dennoch beschlossen sie, eine Nacht darüber zu schlafen. Und so bauten sie gegen Abend ihre Zelte auf und campten hier in der Ebene des Flusses.
Nadav saß auf dem Felsen, blickte auf das Verheißene Land und dachte über all das Geschehene nach. Wie gerne würde er mit auf die andere Seite. Egal ob für zehn Wochen oder für zehn Tage. Er hatte damals bei seinem ersten Besuch Feuer gefangen und er würde viel dafür geben, wieder dorthin zu kommen.
Und doch war da irgendetwas, das ihn unsicher machte. Irgendetwas, was ihn hinderte.
Was war es? War es ernst zu nehmen?
Plötzlich sah er Bewegungen an der Grenzstation. Ein Schiff hatte angelegt. Jemand stieg aus und verschwand im Haus. Nach einigen Minuten öffnete sich die Tür und die Person kam heraus – es war eindeutig ein Mann. Er blieb stehen und schaute sich um. Als er Nadav auf dem Felsen entdeckt hatte, kam er auf ihn zu.
Der Mann war großgewachsen und hatte eine Schirmmütze auf. Auf dem Rücken trug er einen riesigen Rucksack und in der Hand hatte er einen Wanderstock.
„Hallo!“, rief Nadav. „Wer sind sie?“
„Mein Name ist Hosea Ben Zion!“
„Hosea?“ Nadav war völlig überrascht. Dann fing er an zu lachen. „Bist du es wirklich? Ich bin’s Nadav.“
Er sprang vom Felsen herunter und lief auf Hosea zu.
„Nadav? Das gibt‘s ja gar nicht…“ Auch Hosea rannte nun Nadav entgegen. Die beiden Männer fielen sich in die Arme und begrüßten sich wie zwei langjährige Freunde.
„Was machst du hier? Bist du das Empfangskomitee, das hier auf mich wartet?“
„Anscheinend…“ Nadav lachte. Er konnte es noch immer nicht glauben, dass sie sich gerade hier trafen. „Ich bin mit Ephraim und ein paar anderen wundervollen Menschen unterwegs. Wir sind auf dem Weg ins Verheißene Land und man hat uns zehn Wochen angeboten. Aber da kommst du anscheinend gerade her, oder?“
„Wow, zehn Wochen! Das ist ja hervorragend!!!“, antwortete Hosea begeistert. „Ja, ich war gerade dort. Mir hatten sie sieben Wochen gegeben. Und die haben sich wirklich gelohnt, kann ich dir sagen! Es war eine starke Zeit. Ich fühl mich wie ausgewechselt.“
„Das hört sich gut an…“, sagte Nadav – allerdings ohne die Begeisterung, mit der sie sich eben noch begrüßt hatten.
„Was ist los, Nadav? Über was denkst du nach?“
„Ich weiß es nicht… Irgendwie habe ich das Gefühl, ich soll nicht mit ins Verheißene Land. Nicht dieses Mal. Aber ich kann nicht sagen, warum. Es ist nur so ein Gefühl. Eigentlich würde ich schon gerne.“
„Glaubst du, du sollst zuvor noch etwas anderes tun?“
„Ja, das kann gut sein. Aber ich wüsste gar nicht, was!“
„Mach dir mal keine Sorgen! Leg es doch einfach in Seine Hand. Wenn ER möchte, dass du hier bleibst, dann wird Er dir das rechtzeitig zeigen.“
„Ja, bestimmt hast du Recht. Danke, Hosea.“
Es entstand eine kurze Pause. Dann setzten sie sich beide auf den Felsen, auf dem Nadav zuvor schon gesessen hatte. „Aber erzähl mal. Weißt du schon, was du jetzt machen wirst?“
„Ich habe einige Ideen, ja. Aber sicher ist noch nichts.“, sagte Hosea. „Man weiß ja nie, wie immer so alles kommt. Du kennst das ja…“ Beide mussten kurz lachen. „Aber als erstes will ich zu Jedediah und eine Menge mit ihm besprechen. Ich habe einige Fragen. Und anschließend möchte ich ins „Juda & Ephraim“-Bergland gehen, um die unerforschten Berge zu besuchen.“
„Oh, das hört sich spannend an!“
„Naja, und sonst würde ich gerne ein Buch schreiben. Ich habe schon einige Notizen und ‘ne Menge Ideen. Oh, da fällt mir ein…“
„Was denn?“, fragte Nadav.
„Das passt wirklich gut, dass wir uns treffen. Ich war die ganze Zeit noch auf der Suche nach einem Namen, der mit ‚N‘ beginnt. Und niemand anderes passt so gut in diese Rolle wie du! Perfekt!“, Hosea strahlte ihn an. „Du bist unglaublich begabt, setzt diese Gaben für andere und ein wunderbares Ziel ein… Wie könnte es besser sein!? Also… Dürfte ich dich als eine der Hauptfiguren für mein Buch verwenden?“
„Ja, natürlich.“ Nadav freute sich über diese Ehre. „Und Danke für die übertriebenen Komplimente. Aber erklär erstmal, warum der Name gerade mit einem ‚N‘ beginnen muss?“
„Naja, ich würde gerne die Eigenschaften der Stämme Israels in die Personen und deren Namen einbauen. ‚N‘ würde dann für den Stamm Naphtali stehen. Und der ist ja ein Stamm, der übermäßig mit tollen Eigenschaften, Gaben und Talenten gesegnet wurde – so wie du, Nadav!“
„Jaja. Schon gut.“ Nadav wiegelte mit einer Handbewegung ab. „Aber das Projekt hört sich immer interessanter an. Dann brauchst du wohl noch viele ‚J‘-Namen für Juden die mitspielen, oder?“
„Ja, die kommen auf jeden Fall mit rein. Wobei ‚J‘-Namen sind dann die aus dem Stamm Juda. Juden gibt es ja auch aus den anderen Stämmen.“
„Stimmt. Die Leviten zum Beispiel…“, sagte Nadav.
„Jedediah hat mich mal darauf hingewiesen, nachdem ich die 2.Chroniken gelesen hatte. Dort taucht in den Kapiteln 11, 15 und 30 auf, dass viele aus den anderen Stämmen zum Haus Juda gewechselt sind. Jedediah meinte, viele würden in diesem Zusammenhang die Bezeichnung Juden etwas falsch verstehen. Juden wären nicht die vom Haus Juda und natürlich auch nicht nur die vom Stamm Juda. Viel mehr müsste man es so sehen, dass Juden damals alle diejenigen waren, die treu dem König von Juda und der Führungsrolle Judas gefolgt waren. Der Unterschied mag vielleicht nur eine Nuance sein, doch der ist entscheidend.“
„OK, ich verstehe. Alle, die damals zum Haus Juda gewechselt haben, wurden damit also zu Juden! Interessant…“
„Ich freue mich schon so sehr auf Jedediah.“, sagte Hosea. „Obwohl es auch im Verheißenen Land so viele tolle Weise gibt.“
Nadav schwieg. Wieder dachte er über die Frage nach, ob er nun mit ins Verheißene Land gehen sollte oder nicht. Hosea war dies nicht entgangen.
„Es wird schon noch klar werden. Mach dir keine Sorgen…“ Hosea kletterte vom Felsen herunter und setzte seinen Rucksack auf. „Ich glaube, ich mach mich langsam auf. Bis zu Jedediah habe ich noch ein bisschen Weg vor mir.“
„Ja, klar. Das stimmt.“ Auch Nadav kam vom Felsen herunter und umarmte Hosea. „Es war so schön, dass wir uns getroffen haben. Du weißt ja: Es gibt keine Zufälle.“
„Mich hat es auch gefreut, Nadav. Und ich bin gespannt, wann wir uns das nächste Mal sehen.“ Hosea zwinkerte ihm zu und lief dann los.
Während Nadav Hosea hinterherschaute, dachte er kurz nach. Kurzerhand entschied er sich dazu, sich nochmal hinzulegen.
Als Nadav zwei Stunden später wieder aufwachte, fühlte er sich zwar fit und ausgeruht, doch diese innere Unruhe spürte er weiterhin. Noch immer hatte er keine Antwort gefunden.
Auch als sie frühstückten und die Zelte abbauten ging es ihm nicht anders. Was sollte er tun? Mirjam und Ephraim hatten schon gefragt, was mit ihm los sei, doch er hatte den Fragen jeweils ausgewichen.
Doch dann, als sie mit dem Packen fertig waren, wurden die Gebete Nadavs endlich erhört.
Die Antwort kam in Form eines unerwarteten Besuchers. Aus der Ferne kam er angelaufen und Dov war es, der ihn zuerst bemerkte. „Wer kommt denn da? Den hab ich ja noch nie gesehen.“
Der Mann kam schnellen Schritts näher und direkt auf ihre Gruppe zugelaufen. Schon aus der Ferne rief er. „Hallo! Ich bin auf der Suche nach Ephraim und Nadav. Sind die beiden bei euch?“
„Ja, das sind wir!“, antwortete Nadav und ging mit Ephraim auf ihn zu.
„Ich habe einen Brief für euch.“
„Irgendwie kommst du mir bekannt vor. Dein Gesicht…“, sagte Ephraim. „Haben wir uns schon einmal gesehen?“
„Nein, ich denke nicht. Aber du kennst meinen Vater…“
„Jotam!!!“ Ephraim schlug mit der Hand auf seine Stirn „Ja sicher, du bist bestimmt ein Sohn von Jotam, oder? Du siehst ihm wirklich ähnlich.“
„Ja, es lässt sich nicht verbergen!“, antwortete der junge Mann mit einem freundlichen Lächeln. „Hier ist der Brief. Jotam hat mich gebeten euch zu suchen und ihn euch zu geben.“
„So weit bist du gelaufen?“ sagte Ephraim, während Nadav zeitgleich fragte, woher Jotam wusste, dass sie hier seien. Da der junge Mann nicht wusste, auf welche Frage er zuerst antworten sollte, sagte er gar nichts, sondern zuckte nur mit den Schultern.
Ephraim nahm den Brief entgegen, öffnete und begann zu lesen. Er hielt ihn so, dass Nadav mit hineinsehen konnte.
Lieber Ephraim, Lieber Nadav,
Ich hoffe, euch geht es gut und ihr seid wohlbehütet. Nach längerem Abwägen habe ich mich dazu entschlossen, euch diesen Brief zu schreiben. So Gott will, wird er euch noch rechtzeitig erreichen.
In kurzen Abrissen möchte ich euch berichten, wie sich die Situation hier seit ein paar Tagen verändert hat. Leider gibt es immer mehr Straßenprediger, die vor dem Torah-Berg die Leute abfangen. Jeder, der sie ignorieren oder aus ihrer Gruppe hinaus möchte, wird stark angefeindet. Außerdem gibt es einige Menschen auf dem Torah-Berg, die unbedingt Weisung brauchen. Ilanah und ihr Mann machen eine wundervolle, riesige Arbeit. Doch leider gibt es derzeit keinen, der die Leute ins „Juda & Ephraim“-Bergland und darüber hinaus weiterleiten könnte. Die Führer, die es neben euch gibt, sind derzeit gerade beschäftigt oder – und das schreibe ich mit einigen Tränen – auf die andere Seite des Grabens gewechselt. Übrigens sind auch Anat, Samira und sogar Boas unter den Wartenden auf dem Torah-Berg. Vor einigen Tagen haben sie mich besucht und sie berichteten alle drei, dass sie euch kennen würden.
Bevor ihr irgendwelche Entscheidungen trefft: Ephraim, ich verbiete dir (soweit ich das kann), dass du den Weg den du eingeschlagen hast an dieser Stelle abbrichst. Dieser Brief darf dich auf keinen Fall davon abhalten – und genau aus diesem Grund habe ich lange überlegt, ob ich überhaupt schreiben soll. Wir alle wissen, dass du eine unglaublich wichtige Aufgabe hast und dich viele Menschen dahingehend brauchen, dass du auf dem Weg vorausgehst. Doch – und das ist meine Frage – vielleicht wisst ihr jemanden, der hier helfen kann? Er oder sie würde nicht ungelegen kommen. Doch ich habe Vertrauen, dass unser Vater das Richtige tut. Er hat schon alles vorbereitet. Auch die Menschen, die diese Aufgabe hier erledigen sollen.
In jedem Fall sende ich euch Seinen reichen Segen für die Zeit im Verheißenen Land. Es wird für jeden der geht, ein großer Segen sein. Vergesst nicht: Es ist ein sehr, sehr gutes Land. Hört nicht auf schäbige Kundschafter – auf Menschen, die das Land schlecht machen wollen.
Seid bewahrt in allen Dingen durch unseren Vater. Er schenke euch Mut und Weisheit in allen Angelegenheiten.
In Liebe,
Euer Jotam
Nadav war fertig mit lesen und blickte auf. Er sah Ephraim in die Augen, der seinen Blick erwiderte. Ohne etwas zu sagen wussten beide, wie die bisher gemeinsame Reise weitergehen würde.
„Es wird wohl eine der schwierigsten Entscheidungen meines Lebens!“, sagte Nadav.
Beide hatten sie feuchte Augen bekommen.
„Du kommst nicht mit???“ Rinah war die erste, die diese große Überraschung kommentierte, nachdem Nadav die Gruppe dahingehend informiert hatte. „Aber warum?“
Die zwei Jungs, Daniel und Sirach, hatten sofort verstanden, was Nadav allen mitgeteilt hatte. Sie rannten auf Nadav zu und dieser nahm sie in die Arme. „Nein, Nadav! Du musst mitkommen…“.
Mirjam hatte gespürt, dass Nadav die ganze Zeit mit sich gerungen hatte. Doch sie hatte natürlich nicht damit gerechnet, dass er eine solche Entscheidung treffen würde. Es machte auch sie traurig. Schließlich hatten sie einiges gemeinsam erlebt und Nadav hatten ihnen so viel geholfen. Aber so wie er für sie ein großer Segen gewesen war, würde er es nun für andere sein.
Doch dann fiel ihr Blick zu Rut. Wider Erwarten war sie nicht auf Nadav und seine Erklärungsworte fokussiert. Sondern sie schaute zur ihr herüber. Zunächst wusste sie nicht, was das zu bedeuten hatte. Doch nachdem sie einander einige Augenblicke in die Augen gesehen hatten, wurde ihr schlagartig bewusst, was das zu bedeuten hatte. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen!
Sie rannte auf Rut zu und umarmte sie. Tränen liefen ihr über die Wangen! „Wieso ist mir das nicht aufgefallen?“
„Ich glaube wir hatten genug andere Dinge, durch die wir abgelenkt waren.“ Auch Rut weinte.
Mirjam löste sich aus der Umarmung, hielt Rut aber an den Armen fest und schaute sie an. „Du kommst wirklich nicht mit uns?“, fragte sie, um sich zu vergewissern.
„Nein. Nicht zu diesem Zeitpunkt…“ Rut fiel es sehr schwer dies auszusprechen. Obwohl sie weinte, war ihre Stimme fest. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. „Aber wir sehen uns ganz bald wieder, in Ordnung?“
Mirjam nickte stumm, während nun auch Rinah kam, um Rut zu umarmen.
Für keinen von ihnen war die Situation einfach. Nadav, Rut und Jotams Sohn verabschiedeten sich, während Ephraim, Mirjam, Shimon, Dov und die Familie um Gideon und Rinah langsam zum Grenzposten gingen.
Dov nutzte diesen Moment, um mit Ephraim zu sprechen.
„Ephraim… ähm,… Glaubst du wirklich, dass sie mich auch hineinlassen werden? Schließlich bin ich schon ein paar Mal negativ in Erscheinung getreten.“
„Wir haben gestern mit den Sicherheitsleuten auch darüber gesprochen.“, sagte Ephraim. Dov schaut ihn überrascht an. Damit hatte er nun nicht gerechnet. „Sie waren nicht davon begeistert. Aber letztendlich haben sie eingewilligt.“
„Tatsächlich?“
„Ja, aber ich muss für dich bürgen. Das ist die Abmachung. Ich bin für dich verantwortlich. Das heißt, wenn du etwas falsch machst, hat das nicht nur für dich schwerwiegende Konsequenzen, sondern auch für mich. Sieh es also als einmalige Chance an!“
„Wow! Na, das verspricht ein Abenteuer zu werden…“ Das typische Grinsen erschien in Dovs Gesicht. „Ach ja… Danke.“ Er klopfte Ephraim auf die Schulter und lief dann zu Shimon. Ephraim schaute ihm nachdenklich hinterher.
„Ephraim! Weißt du, wer das ist?“ Mirjam hatte sich umgedreht und schaute zurück zu Nadav, Rut und Jotams Sohn, die sich nun schon ein ganzes Stück entfernt hatten. Sie begrüßten herzlich einen Mann, der nun zu Mirjam und Ephraim zeigte.
„Das ist Hosea Ben Zion.“, antwortete Ephraim. „Nadav hat erzählt, dass er heute früh aus dem Verheißenen Land zurückkam.“
Jetzt schauten auch Nadav und Rut ein letztes Mal zurück und winkten ihnen. Mirjam und Ephraim erwiderten dieses letzte Verabschieden.
„Da seid ihr ja!“, sagte eine tiefe Stimme hinter ihnen. „Euer Gepäck könnt ihr hinten in der Kammer einschließen. Wir werden gut darauf aufpassen.“
Sie blickten zu dem Wachmann, mit dem sie schon gestern gesprochen hatten. Ein Verband zierte heute seinen Kopf. Seine Worte waren fest und bestimmend, doch er blickte sie freundlich an. Als er allerdings Dov sah, verfinsterte sich sein Blick. „Und dieses Mal halten wir uns an die Regeln, verstanden?“.
Dov grinste leicht und antwortete mit einem „Natürlich!“.
Sie stellten ihre Rucksäcke in der Kammer ab. Mirjam beobachtete, wie Ephraim bei seinem Wanderstab nochmal für einen Augenblick zögerte. Doch dann stellte er ihn in die hinterste Ecke und kam wieder aus der Kammer hinaus. Mirjam schaute ihn ermutigend an.
Als nächstes folgte eine sehr lange und ausführliche Prozedur, in der jeder einzelne von ihnen ausgefragt wurde. Sie wollten alles wissen. Woher sie kamen, was sie im Verheißenen Land zu tun beabsichtigten, mit wem sie sich alles getroffen hatten. Ob sie Juden kennen würden, wie oft sie auf der anderen Seite des großen Grabens waren, und vieles mehr.
Anschließend wurde noch einmal geprüft, ob sie auch ja nichts mitgenommen hatten.
Alles ging gut und Ephraim war dankbar, dass es nicht schon jetzt irgendwelche Zwischenfälle gab.
Und dann warteten sie hinter dem Grenzposten am Ufer des Flusses auf ein Schiff, das sie auf die andere Seite bringen würde.
Nach einer weiteren halben Stunde war es endlich soweit! Langsam fuhr ein kleines Schiff auf sie zu und die Kinder jubelten voller Begeisterung.
Das Schiff, das mindestens 20 Leuten Platz bot, war beinahe leer. Neben dem Kapitän waren noch ein Schiffsbegleiter und zwei Sicherheitsleute dabei. Letztere standen an Deck und nahmen mit aufmerksamen Blicken alles um das Schiff herum in Augenschein. Der Schiffsbegleiter sprang in diesem Moment auf den Steg. Dann machte er mit einem dicken Tau das Schiff fest und legte eine Holzplanke so ans Schiff, dass man leicht hineingehen konnte.
Die Kinder kletterten mit der Hilfe und Gideon und Rinah ins Schiff und nahmen sofort jede einzelne Ecke in Augenschein.
Der Bootsführer stellte sich ihnen vor. „Guten Tag, verehrte Gäste. Ich bin Jona und werde euch heute ins Verheißene Land bringen.“
Mirjam wurde warm ums Herz, als sie diese Worte hörte. Gerade liefen Shimon und Dov über die Planke.
Als nächstes war sie an der Reihe und es fühlte sich sehr besonders an. Es waren eindeutig Schritte in ein neues Abendteuer. Sie war so gespannt, was sie alles erleben würden.
Mirjam war schon fast an Bord, da drehte sie sich nochmal um. Ephraim stand weiterhin am Ufer. Er zögerte.
„Was ist los, Ephraim?“, rief sie ihm entgegen und ging ein paar Schritte zurück.
Ephraim stand am Ufer und bewegte sich nicht auf die Planke zu. Er schaute zum Boden, dann drehte er sich zu Seite und blickte den Fluss aufwärts in die Richtung, in die Nadav und die anderen gegangen waren.
„Willst du etwa zurück? Oder hast du Angst?“ Mirjam blickte ihn irritiert hat.
„Nein. Es ist keine Angst… Irgendwie…“, Ephraim runzelte die Stirn und schaute Mirjam an. „Ich weiß es nicht!“
Es entstand eine kurze Pause.
„Kontrolle! Das ist das Problem.“ Mirjam war gerade ein Licht aufgegangen. „Kann das sein?“
Ephraim schaute sie verwundert an und versuchte darüber nachzudenken.
„Doch. Klar. Das ist ganz logisch. Bisher warst du es, der die Richtung vorgegeben hat. Du hast angeleitet und alle haben sich an dir orientiert. Und nun spürst du, dass sich das auf der anderen Seite dieses Flusses und ohne den leitenden Wanderstock anders entwickeln könnte.“
Ephraims Blick glitt in die Ferne. Dann antwortete er langsam. „Ja, wahrscheinlich hast du den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen.“
Mirjam lächelte Ephraim liebevoll an und streckte ihm ihre Hand entgegen. „Es geht los, Ephraim! Du hast eine wichtige Aufgabe. Aber weißt du was!? Du bist nicht alleine!“
Ephraim blickte Mirjam in die Augen und dieser Moment schien eine Ewigkeit zu dauern. Doch es war mehr als ein Blick. Denn was nun folgte, war der Wendepunkt in einer außergewöhnlichen Geschichte. Er sollte nicht nur die nahe Zukunft prägen, sondern auch ganz besonders die weit entfernte.
Nach wie vor hielt Mirjam ihre Hand ausgestreckt zu Ephraim. Und dann griff Ephraim zu! Er legte seine Hand in Mirjams und dann gingen die beiden Hand in Hand an Deck des Bootes.
Es dauerte noch einige Minuten, dann ging die Schifffahrt los. Gemeinsam standen sie alle an der Reling und blickten erwartungsvoll in Richtung des Verheißenen Landes.
Direkt auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses mündete ein weiterer Fluss, den das Schiff hochfuhr. Jetzt hatten sie auch Einblick auf das Grenzgebiet und sie staunten nicht schlecht, als sie die vielen kleinen Wachhäuschen und Stacheldrahtzäune sahen. Überall waren sie versteckt in die Landschaft hineingearbeitet.
Kurz danach fuhren sie an einer Gegend voller Seen vorbei. Jona, der Schiffsbegleiter, gesellte sich zu den drei Kindern und berichtete ihnen, dass es dort sogar Krokodile geben würde.
Mirjam war sich zunächst unsicher. Doch dann traute sie sich und wandte sich an Jona. „Entschuldigung. Darf ich ihnen eine Frage stellen?“
Der Mann drehte sich überrascht zu Mirjam. „Aber ja. Natürlich!“
„Die Einreisebestimmungen sind hier sehr scharf und generell wird nur wenigen Leuten erlaubt hierher zu kommen – vor allem langfristig oder sogar für immer. Warum ist das so?“, fragte Mirjam.
Jona blickte erstaunt zu Mirjam. Dann zu Ephraim, der seitlich hinter Mirjam stand. Er schien von der Frage außerordentlich verblüfft zu sein.
„Tut mir leid. Habe ich etwas Falsches gesagt?“, sagte Mirjam entschuldigend.
„Nein… Nein. Gar nicht.“ Langsam fand der Bootsführer wieder zu Worten. „Es ist nur so… Ich glaube, ich habe noch nie erlebt, dass mich jemand, der ins Verheißene Land wollte, eine solche Frage gestellt hatte. Ehrlich! Wisst ihr, die meisten kommen hierher und machen Vorwürfe. Sie wissen über alles Bescheid und erzählen uns, wie wir es besser machen sollen. Darum war ich einfach überrascht…“
Verdutzt und etwas beschämt blickten Ephraim und Mirjam ihren Gegenüber an.
„Wenn ich euch einen guten Rat geben darf… Macht mit dieser Art im Verheißenen Land weiter. Es ist wichtig, nach dem Warum zu fragen und nicht andere zu bewerten oder gar zu verurteilen. Ich versichere euch: Dann wird eure Zeit hier zu einem einmaligen Erlebnis!“
Der Mann blickte in die Runde und schaute sie mit einem strahlenden Lächeln an. Dann wandte er sich wieder an Mirjam. „Ach ja… Und um auf deine Frage zurückzukommen. Die beantworte ich dir sehr gerne. Und sogar ausführlich. Aber wäre es nicht schöner, wenn ihr mich und meine Familie besuchen kommt? Ihr könntet die ersten Tage im Land bei uns wohnen. Und dann erkläre ich euch alles ganz genau und wir können sogar gemeinsam Schabbat feiern.“
Mirjam war gerührt. Und sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Doch in jedem Fall war sie sich sicher, dass überaus spannende Wochen vor ihnen lagen.
+++ Ende der ersten Episode +++
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