Bitterkeit und die Grundannahme, dass die Welt gerecht ist
Biblische sowie psychologische Ansätze einer Definition
Ich möchte euch hier einige Aspekte zu dem Thema Bitterkeit vorstellen, die wohl eher wenig bekannt sind. Ich finde sie sehr hilfreich, um zu verstehen, was Bitterkeit ist, wie sie entsteht und wie man auch aus ihr herausfinden kann. Das Thema Bitterkeit ist sehr komplex, ich kann hier ein paar Ansätze aufzeigen, wer tiefer einsteigen will, findet Videos auf Youtube.
Zuerst einmal zum Wort Bitterkeit in der Bibel:
Die erste Erwähnung des Begriffes Bitterkeit (hebr. Marah) finden wir in der Bibel in 2Mose 15, nachdem YHWH die Israeliten sicher durch das Rote Meer geführt hatte. Marah (Strong`s 4785) ist der Name der bitteren Quelle. Nach ihr wurde die 1. Lagerstätte nach der Überquerung des Roten Meeres benannt (s. 2Mo 15,23; 4Mo 33,8f). Wie bei allen der 42 Lagerstätten geht es auch bei der 4. Lagerstätte um eine Prüfung, mit der das damalige Israel konfrontiert wurde, und die uns heute als hilfreiches Beispiel in unseren Prüfungen dienen kann.
Das Wasser an der Lagerstätte Marah war bitter, jedoch nicht giftig. Das Wasser hatte höchstwahrscheinlich einen brackigen Geschmack, für den das Wasser in dieser Gegend bekannt ist. Sie konnten es trinken, aber es schmeckte nicht gerade gut. In Zeiten des Durstes würde es jedoch seinen Zweck erfüllen. Aber die Menschen selbst waren verbittert, was sie zu streitsüchtigen Menschen machte. Ein streitsüchtiger Mensch ist jemand, der immer auf der Suche nach einem Fehler ist, immer auf der Suche nach einem Streit.
Es lohnt sich hier, den Beitrag über die 4. Lagerstätte (Marah) noch einmal zu lesen:
MAR bzw. MARAH (s. Strong’s 4751) steht für einen strengen, bitteren Geschmack und wird im übertragenen Sinn auch für ein bitteres Gefühl und eine bittere Erfahrung verwendet, aber auch für verärgert, missmutig und unzufrieden. Mara (s. Strong’s 4754) bedeutet sogar wiederspenstig sein, rebellieren. Das Wort Marah erinnert uns daran, dass Bitterkeit sowohl den Nutzen des Wassers als auch das menschliche Leben, das durch sie vergiftet wird, zunichte macht. Wenn wir aufhören, auf die Güte Elohims zu vertrauen, und nur unsere eigenen begrenzten Ressourcen sehen, können wir bitter werden.
MARA wird im Buch Ruth in einem anderen Zusammenhang erwähnt. Als Naomi nach Bethlehem zurückkam, antwortete sie auf die Frage, ob das Naomi sei: “Nennt mich nicht Naomi, sondern nennt mich Mara, denn der Allmächtige hat mein Leben sehr bitter gemacht” (Rut 1,20). Mara, ein symolischer Name von Naomi, steht für die Bittere (s. Strong’s 4755). Naomis Trauer und ihr anhaltender Verlust hatten eine Bitterkeit in ihrer Seele erzeugt, die sie prägte. YHWH half, diese Bitterkeit durch die Liebesgeschichte von Boas und Ruth zu heilen.
Wenn wir wie die Israeliten mit bitteren Umständen konfrontiert werden, beginnen wir an YHWHs Hand in unserem Leben zu zweifeln. Vielleicht schreiben wir unserem himmlischen Vater negative Eigenschaften zu und beschuldigen Ihn sogar, etwas Falsches getan zu haben (Maleachi 2,17; 3,13-15; Hiob 1,22). So wie Marah das Wasser ungenießbar machte, so macht Marah unserer eigenes Leben unbrauchbar für das Reich YHWHs.
Hebräer 12,15: Und achtet darauf, dass nicht jemand die Gnade Elohims versäumt, dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwächst und Unheil anrichtet und viele durch diese befleckt werden.
MARAR (Strong`s 4843) bedeutet bitter oder betrübt sein und beschreibt einen bitteren Geschmack (s. Jes 24,9). Bitterstoffe sind Aromastoffe, die einem Getränk oder einer Speise zugefügt werden, um einen scharfen, herben Geschmack zu erzeugen. Interessanterweise mangelt es uns in der modernen Ernährung gerade an den so gesunden Bitterstoffen; aus vielen Gemüsen und Früchten wurde das Bittere herausgezüchtet. In der Ernährung können Bitterstoffe förderlich für die Gesundheit sein und sogar geschmacklich eine gewünschte Rolle spielen, aber in persönlichen Beziehungen kann das Merkmal der Bitterkeit sehr zerstörerisch sein.
Israel sollte beim Passahmahl bittere scharfe Kräuter, MAMROR (Strong’s 4472), zu sich nehmen (zusätzlich zum Lamm und zu den ungesäuerten Broten). So sollte an die Bitterkeit und die Qualen der ägyptischen Sklaverei erinnert werden (s. 2Mo 1,14; 12,8).
Nicht immer wird Bitterkeit mit einem Begriff aus der Familie Mar/Marah beschrieben. Manchmal sehen wir in der Schrift einfach ein bitteres Verhalten. Die Schrift ist voll mit Menschen, die in Bitterkeit gefallen sind, angefangen mit Kain, der seinen Bruder Abel erschlug.
Bitterkeit – Definition aus psychologischer Sicht
Kränkung und Verbitterung hängen zusammen. Jeder Mensch erlebt in seinem Leben Kränkungen, kleine und große. Die narzisstische Kränkung gehört sogar elementar zur Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit. Das bedeutet, dass das Kind „verletzt“ ist, weil die Welt anders aussieht als in seinen Wünschen. Interessanterweise liegt bei der Wurzel von Bitterkeit oft ein falsches Weltbild vor, nämlich, dass die Welt gerecht ist. Es scheint tief in den Menschen zu schlummern, vielleicht als ein Wunsch oder eine Hoffnung. Es hat jedoch nichts mit der Realität zu tun, schon gar nicht, wenn wir aus biblischer Sicht die Zeit beurteilen, in der wir leben. Aber auch weltlich gesehen kann eine bittere Wurzel überwunden werden, wenn eine gesunde Entwicklung so verläuft, dass der Mensch seine Wünsche und Hoffnungen an die äußere Wirklichkeit anpasst und so seinen Platz in der realen Außenwelt findet, die vollkommen unabhängig von seiner psychischen Innenwelt existiert. Ein Mensch, der das nicht schafft, kann eine narzisstische Störung entwickeln, in der er aus seinem verletzten Kindheits-Selbst heraus Fantasien über sich selbst entwirft in Form neuer Muster seiner vermeintlichen Grandiosität. Innerlich fühlt er sich in Wirklichkeit leer und hilflos und verdrängt dies dadurch, dass er die Fiktionen über sich selbst immer aggressiver vertritt. Das ist ein extremes Beispiel.
Bitterkeit ist erst einmal eine Reaktion auf eine schwierige Situation, so wie Flucht oder Angriff. Ein Kind kann sich nicht wehren, wenn es etwas tun soll, was die Mutter oder der Vater verlangt. Also tut es das, schmollt aber dabei. Es fantasiert jetzt darüber, es der Mutter oder dem Vater heimzuzahlen: „Wenn ich tot bin, dann weiß sie/er, was sie/er gemacht hat“. Pathologische Verbitterungen stellen sich ein, wenn dieses Verhalten chronisch wird.
Wenn eine Person dieses Gefühl zulässt (sofern sie es nicht regulieren kann bis zu einem bestimmten Alter), kann die negative emotionale Stimmung überschwappen und körperliche Gesundheitsprobleme verursachen. Die Forschung zeigt, dass verbitterte Menschen einen höheren Blutdruck und eine höhere Herzfrequenz haben und eher an Herzkrankheiten und anderen Krankheiten sterben.
Bitterkeit ist eine komplexe Emotion, begleitet von Scham, Ärger, Frustration, Selbstvorwürfen, Hoffnungslosigkeit, Zynismus, Resignation, Hilflosigkeit, Hass und Aggression. Bitterkeit hat eine hohe Gewaltkomponente, was vielleicht erst einmal erstaunlich erscheint, wenn sich der Betroffene doch eigentlich als Opfer fühlt. Bitterkeit ist eine Art Gegenreaktion, eine Aggression der Selbstverteidigung (eine aggressive Gegenreaktion) auf eine erlebte Kränkung oder Enttäuschung. Bitterkeit ist ein archaischer Zustand, wie etwa Panik oder Angst. Es ist eine Notfallemotion, die ihre Berechtigung im Moment hat, die sogar beim Überleben hilft. Aber wenn sie über die Jahre chronisch wird, fängt das Problem an.
Es gibt sogar den Begriff der Posttraumatischen Verbitterungsstörung. Die chronisch gewordene schwere persönliche Enttäuschung oder Kränkung bleibt dann bestehen und erzeugt ein Verbitterungsmuster. Diese Struktur hält sich dann aus sich selbst heraus aufrecht. Der Mensch ist immer noch voller Schmerz und Trauer aufgrund vergangener Enttäuschung oder Kränkung, die nun chronisch immer wieder erlebt werden, als wären sie gerade passiert. Das ist erstmal eine verständliche Reaktion, wenn das Erlebte sehr früh passierte und auch sehr komplex ist.
Kränkungen sind alltäglich, es kommt nur darauf an, wie wir damit umgehen können oder wollen. Doch bisweilen können Menschen mit Kränkungen nicht umgehen, die kränkenden Geschehnisse brennen sich in ihrer Psyche ein – sie verbittern. Jetzt sitzen sie im Gefängnis. Das kränkende Erlebnis bleibt bestehen, die Betroffenen kreisen ständig darum. Sie machen andere dafür verantwortlich, den Ehepartner, den Chef, die Freunde. Sie leiden und finden keinen Ausweg aus dem Leid. Es gibt Persönlichkeiten, die in bestimmten Bereichen des Lebens mehr zu Verbitterungen neigen als andere. Für den einen ist der Arbeitsplatz ein Ort, wo er empfindlich reagiert, für den anderen sind es z. B. Beziehungen. Das kann zu tun haben mit Erwartungen, die man grundsätzlich an sein Leben hat, die leider aber mit der Realität der Zeit (auch biblisch gesehen), in der wir leben, nichts zu tun hat. Aber kleine Kinder oder Babys sind da eben noch nicht in der Lage, ihre Erlebnisse an die Realität anzugleichen. Später muss man dann also tief graben, um an die bittere Wurzel zu kommen. Aber es gibt keinen anderen Weg.
Verbitterungen entstehen also, wenn unsere Grundüberzeugungen („basic believes“) erschüttert werden. Je starrer also dieses Korsett aus persönlichen Werten und Normen (die abweichen von biblischen Werten) ist und je ausschließlicher wir unser Leben darauf ausrichten, um so tiefer ist die Verletzung, wenn die Grundüberzeugungen „attackiert“ werden, indem Dinge passieren, die der Vater zulässt, von denen wir es nie erwartet haben.
Verbitterung als psychische Krankheit
Ein verbitterter Mensch kann anderen, die ihn real oder vermeintlich verletzten, nicht vergeben. Das ist auch für ihn selbst ein Riesenproblem, denn Vergeben bedeutet auch, Yeshua an die Wunden zu lassen, damit er sie heilen kann. Da der Betroffene aber anderen Menschen die Schuld an seinem Leid gibt, macht er sich selbst zum passiven Opfer. Und die hieraus resultierende Unfähigkeit zu handeln, dehnt sich auch in Lebensbereiche aus, die mit der ursprünglichen Kränkung gar nichts zu tun haben. Der pathologisch Verbitterte macht schließlich sein eigenes Leben von der erlittenen Schmach abhängig und tut nichts, um sein eigenes Leben zu verbessern. Verbitterung bedeutet letztendlich Hoffnungslosigkeit und ein Tunnelblick in Bezug auf das Leben, den Glauben und auch alltägliche Dinge.
Ich denke, dass Bitterkeit heute mehr denn je eine Festung ist bei vielen Menschen, ob gläubig oder nicht. Durch die Generationen hat sich die Sünde und damit die Missetat/Schuld potenziert, das heißt, vieles hat sich durch die Generationen gezogen und verstärkt und kann in unserer Generation schon sehr massive Wurzeln haben, die eben nicht nur mit unserem persönlichen Leben zu tun haben.
Mit Yeshua gibt es eine Antwort, er kann unser Leben wieder süß machen, wie das Holz, das in Marah auf das bittere Wasser geworfen wurde. Der beste Weg ist natürlich, wenn Yeshua uns befreit und heilt. Aber wie so oft sind dafür erst einmal Schritte von uns nötig. Es gibt hilfreiche Ansätze aus psychologischer Sicht, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Ich persönlich habe festgestellt, dass man diese Schritte ebenso anwenden kann, indem man die Wahrheit der Schrift den eigenen Glaubens- und Gedankenmustern sowie dem eigenen Weltbild gegenüberstellt und versucht, die eigenen Verbitterungsmuster erst einmal mit Hilfe des Ruach Ha Kodesh zu identifizieren. Danach erfolgt ein Prozess wie bei dem Umgang mit Trauma …
In Teil 2 geht es weiter …
Shalom,
Rivkah
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