Ephraim auf dem Weg – 11. Ein Graben tut sich auf
– Beachte: Dies ist Teil 11 von “Ephraim auf dem Weg” – Weitere Teile –
„Mirjam! Wach auf!“ Eine gedämpfte Stimme weckte Mirjam aus dem Schlaf.
Langsam rührte sie sich und ihr Verstand wurde klarer.
„Was ist los? Wer ist da?“ fragte sie schlaftrunken.
„Ich bin’s Ephraim. Steh auf! Ich muss dir etwas zeigen…“
„Aber…“, Mirjam war irritiert. Oder genervt? Sie konnte es noch nicht richtig einordnen.
Nachdem sie ihre Augen etwas geöffnet hatte, sah sie, dass es noch ziemlich dunkel war.
„Wie spät ist es? Sind wir nicht eben erst schlafen gegangen?“
Ephraim stand am Eingang ihres Zeltes. Er hatte es einen Spalt breit geöffnet und lugte durch diesen hindurch. Rut schlief auf der anderen Seite des Zeltes und zeigte keine Reaktion.
„Nein, nein…“, sprach Ephraim leise. „Bald wird es hell. Komm, auf! Ich warte auf dich.“
Was das nun wieder sollte? Es sah mal wieder nach einer typischen Aktion von Ephraim aus, dachte sich Mirjam. Ohne Vorwarnung und ohne weitere Informationen darf man Befehle befolgen.
Etwas missmutig zog sie sich etwas über und schlüpfte aus dem Zelt. Sie war froh, dass Rut nicht aufgewacht war. Zumindest hatte sie keine Regung von ihr mitbekommen. Doch es sollte nicht lange dauern, bis sie den Reißverschluss des Zeltes erneut öffnete.
„Nein… doch nicht so!“, sagte Ephraim, als er mit der Taschenlampe zu ihre leuchtete. „Du brauchst deine richtigen Schuhe und Wanderklamotten. Wir haben einen kleinen Weg vor uns.“
„Bitte was?“ Mirjam rollte mit ihren Augen, ging zurück ins Zelt und suchte ihre Sachen zusammen.
Kurze Zeit später versuchte sie es ein zweites Mal. „Ist es so besser?“, sagte sie mit einem etwas genervten Unterton.
„Perfekt!“ Ephraim konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er drehte sich um und ging los.
„Dass du immer einfach losgehen musst, ohne auf die anderen zu warten… Wohin gehen wir eigentlich?“ Mirjam rannte hinter Ephraim her und lief nun neben ihm. „Normalerweise fragt man eine Frau, bevor man sie ausführt. Oder läuft das auf dieser Seite der Mauer anders?“
Ephraim tat so, als hätte er diesen Kommentar nicht gehört. „Ich möchte dich zu einer besonderen Stelle führen. Lass dich überraschen.“
Mirjam gab es auf, weitere Informationen aus Ephraim herauszubekommen. Mittlerweile hatte sie oft genug erlebt, wie das in solchen Situationen vergeblich war.
Die beiden liefen nun nebeneinander auf einem kleinen Pfad einen Berg hinauf.
Nachdem sie vor drei Tagen vom ersten Aussichtspunkt des Berglandes in ihr Zeltlager zurückgekehrt waren, waren sie noch zwei weitere Nächte dort geblieben. Zu sehr genossen sie alle dieses herrliche Stückchen Land.
Gestern hatten sie dann ihre Sachen zusammengepackt und waren weitergezogen. Dabei wanderten sie zunächst um den Berg herum in westlicher Richtung. Nach einem kleinen Tal führten sie Ephraim und Nadav dann zu einem weiteren Berg, bei dem sie auf halber Höhe zum zweiten Mal ihre Zelte aufgebaut und ein kleines Lager errichtet hatten.
Auf eben diesem Berg führte sie Ephraim gerade weiter hinauf.
Da dieser nichts redete und auch Mirjam noch sehr müde war, dachte Mirjam über die Gespräche der letzten Tage nach.
Natürlich handelten sie primär von der ganzen Thematik rund um Israel und den zwei Häusern. Für jeden war es sehr speziell, all diese Hintergründe zu erfahren.
Schon bald nach den Erlebnissen auf dem Aussichtspunkt wurde die Frage nach dem anderen Haus, dem Haus Juda, gestellt. Gemeinsam hatten sie ihre Bibeln genommen und einige Stellen dazu nachgeschlagen. Sehr prägend empfand Mirjam dabei das dritte Kapitel von Jeremia, in dem der Prophet ausführte, dass das Haus Israel, also das ehemalige Nordreich, aus dem Bund mit Gott entlassen worden sei, das Haus Juda im Gegenzug allerdings nicht. Und das, obwohl das Haus Juda noch schwerer gesündigt hatte. Trotzdem war es das Nordreich, das den Scheidebrief von Gott empfangen hatte.
Das schien auf dem ersten Blick nicht logisch. Doch mit der Erklärung von Nadav kam Licht ins Dunkel: Das Haus Juda, dessen Volk schon in der Bibel seit dem Exil in Babylon Juden genannt wird, war in der Lage, Buße zu tun. Daniel und Nehemia stehen dafür als Zeugen, da ihre Gebete in der Bibel aufgezeichnet wurden. Die anderen zehn Stämme hatten das nicht gemacht. Noch nicht! – wie Ephraim deutlich hervorhob. Denn seiner Meinung nach, sei jetzt die Zeit dafür gekommen, dass die verlorenen Stämme Buße tun und umkehren.
Diese Einsicht war für jeden von ihnen sehr bewegend. Niemals zuvor war das Thema Buße so einleuchtend. Nie zuvor ergab es einen so tiefen und gemeinschaftlichen Sinn.
Insofern war es überaus passend, dass in diesen Tagen nicht neue Eindrücke auf sie eingeprasselt waren. Jeder von ihnen hatte viel Zeit zum Nachdenken und Beten.
In dieser Ruhephase realisierte Mirjam auch, wie dankbar sie für diese Gruppe war. Jeder konnte den anderen mit seinen Ansichten stehen lassen und respektierte es, wenn der eine mal Zeit für sich selbst brauchte. Und das alles, obwohl sie sich erst so kurz kannten. Doch von Tag zu Tag fühlten sie sich vertrauter und das gemeinsame Unterwegssein schweißte sie immer mehr zusammen.
Mirjams Gedanken kamen zurück in die Gegenwart und zu diesem überraschenden Ausflug.
Mittlerweile war ihr Weg nicht mehr so steil. Sie hatten den eigentlichen Pfad verlassen und liefen nun abseits des Weges am Hang des Berges entlang.
„Du weiß schon noch, wo wir sind, oder?“, fragte Mirjam etwas skeptisch.
„Ja, alles in Ordnung. Wir sind bald da.“, antwortete Ephraim.
Mittlerweile hatte die Morgendämmerung angefangen, so dass es heller geworden war und man die Umgebung viel besser sehen konnte.
„Wenn der Nebel noch verschwindet, hat man von hier aus bestimmt wieder eine phänomenale Aussicht. Ein perfekter Ort, um eine Frau zu einem Rendezvous auszuführen…“, neckte Mirjam Ephraim, während sie sich über sich selbst und ihre Forschheit wunderte. Vielleicht suchte sie noch ein Ventil, um ihren Ärger herauszulassen – auch wenn dieser nicht allzu groß war.
„Der Nebel wird bald verschwinden.“, antwortete Ephraim und überhörte damit den Rest ihres Kommentars.
Es dauerte nicht lange und sie kamen zu ihrem Zielpunkt. Tatsächlich war der Nebel in den letzten Minuten nahezu verschwunden. Und da auch die Sonne mittlerweile aufgegangen war, hatten sie einen wunderbaren Ausblick in die Landschaft vor ihnen. Die vielen Wiesen und Wälder wurden langsam vom Sonnenlicht überflutet.
„Wir sind da!“, sagte Ephraim.
„Wow, das ist herrlich! Und diesen Teil vom Land kenne ich noch gar nicht!“, sagte Mirjam noch etwas außer Atem.
Sie genossen noch einige Augenblicke die Aussicht. Dann aber deutete Ephraim zu einer Stelle direkt neben ihnen. „Siehst du diesen kleinen Baum?“, fragte er Mirjam. „Er ist der eigentliche Grund, warum wir hier sind.“
„Oh, ok… Ja, natürlich sehe ich ihn. Ist das ein besonderer Baum, dass wir für ihn diese Strecke auf uns nehmen?“ Mirjam nahm den Baum unter die Lupe. Er war etwa anderthalb Meter hoch. Sein dünner Stamm war bis zu einem Meter Ast-los. Danach befand sich seine Baumkrone, die schon jetzt dichtes Blätterwerk trug. „Sieht aus wie ein Feigenbaum. Aber wie sollte der hierherkommen?!“
„Doch. Doch… Du liegst richtig. Jotam hat ihn vor einigen Jahren angelegt und ich durfte ihn dabei begleiten. Ich weiß nicht, woher er ihn hat. Na gut, ich habe eine Vermutung. Aber es ist ein Wunder, dass er bis heute überlebt hat und sogar gewachsen ist.“
„Wie gerne würde ich jetzt Feigen essen.“, sagte Mirjam. „Doch leider ist nur eine einzige Feige am Baum. Und vollständig gereift ist sie auch noch nicht.“
Ephraim runzelte die Stirn und überlegte. Dann erklärte er. „Der Baum ist kein normaler Feigenbaum. Im Normalfall hat er gar keine Früchte. Doch wenn ein Mensch mit einer bestimmten Reife hierherkommt, trägt der Baum eine. Bisher durfte ich es nur einige wenige Male erleben. Das erste Mal als wir den Baum gepflanzt hatten und eine Frucht für mich erschien. Auch Nadav hat schon eine gegessen…“
„Das heißt die Feige ist für mich gewachsen?“ Mirjam war zutiefst beeindruckt. „Hat es dann einen bestimmten Grund, dass sie noch nicht ganz reif ist?“
„Ja, ich denke schon… Man kann sie ja trotzdem essen und schmecken wird sie auch. Nur ist sie nicht ganz so süß. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser noch nicht ganz gereifte Zustand ein Ausdruck für dich ist. Reife war eben vielleicht das falsche Wort. Es geht nicht um deine geistliche Reife, die unbestritten alles andere als gering ist. Die Frucht zeigt wohl eher an, ob du innerlich bereit für die neuen Erkenntnisse wärest.“
Mirjam schaute Ephraim an. „Aber was passiert denn, wenn man davon isst? Für was muss man bereit sein?“
Ephraim schaute kurz zu Mirjam. Dann richtete er seinen Blick in die Landschaft vor ihnen. „Weißt du, wohin wir hier schauen?“
Mirjam sagte nichts. Sie kannte die Antwort bereits.
„Es ist der Westen des uns bekannten Torah-Landes. Von hier oben sieht er vielleicht sehr schön aus. Doch wenn man dort ist, wird einem schnell klar, dass dem nicht so ist. Das war nicht immer so. Doch in den letzten Jahren hat sich das verändert. Du wirst es am Rande schon mitbekommen haben. Hier tummeln sich einige Menschen und Gruppen, deren Meinungen wir nicht so sehr teilen – um es vorsichtig auszudrücken.
Solltest du dich nun dazu entschließen, die Frucht zu essen, erhältst du einen tieferen Einblick in diesen Teil des Landes.“
„Hm. Irgendwie…“, Mirjam runzelte ihre Stirn. „Mich erinnert das alles an Adam und Eva. Frucht essen, tiefere Erkenntnis und so weiter…“
Ephraim lachte leicht auf. „Ja, stimmt. Nur dass dir Gott nicht verboten hat, davon zu essen, sondern dir extra eine Frucht hat wachsen lassen. Aber zunächst einmal ist es ja das Gleiche wie die ganze Zeit schon in diesem Land. Und Erkenntnisse sind an und für sich nichts Schlechtes. Sie helfen uns, die Wahrheit zu finden und auf dem richtigen Weg zu bleiben. Und so wie du schon bereits Gebäck und Kuchen gegessen und dadurch biblische Erkenntnisse gewonnen hast, ist es auch mit dieser Frucht.
Allerdings können die Erkenntnisse dieses Mal aufwühlend sein. Vor allem für dich – sonst wäre die Frucht wohl schon reif. Das solltest du beachten.
Übrigens. Wie schon angedeutet gibt es auch Menschen, die sollen oder können diese Einsichten nicht erhalten. Ich verstehe noch nicht, woran es liegt. Doch einige Male war ich mit jemandem hier und es war keine Frucht am Baum.“
Mirjam setzte sich auf einen flachen Felsen, der abseits des Weges stand. Sie zog ihre Knie an, verschränkte darauf ihre Arme und ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. Über den Westen des Torah-Landes.
Ephraim wartete einige Augenblicke. Dann setzte er sich neben sie. Doch er sagte nichts. Die Entscheidung lag jetzt bei Mirjam.
Nach einer Weile des Nachdenkens, durchbrach Mirjam die Stille.
„Es ist schon seltsam. Früher wurde man verteufelt, wenn man nach neuen Erkenntnissen gestrebt hatte. Doch wo landet man, wenn man nicht nach der Wahrheit sucht?! Nirgends. Man muss nur glauben, hat man mir immer gesagt. Doch was bringt einem der Glauben, wenn einen tausende von Fragen unter den Nägeln brennen, die niemand beantworten kann? So vieles wurde totgeschwiegen. Fragen waren verboten und gefährlich. Man galt als schwierig und passte nicht ins System.
Jetzt ist man draußen aus dem System. Fühlt sich frei. Und rennt von Erkenntnis zu Erkenntnis. Man gewinnt täglich einen neuen Blick auf die Vergangenheit und würde niemals wieder zurück wollen. Erkenntnisse sind nicht schlecht. Zumindest nicht im Allgemeinen. Ich habe so viel gelernt und heute fühle ich mich so lebendig wie niemals zuvor. Und auf der anderen Seite macht es auch Angst. Man weiß nicht, wohin das alles führt…“
Mirjam blickte zu Ephraim. Dann sprach sie weiter. „Natürlich werde ich die Frucht essen. Das ist schon längst entschieden. Wenn man einmal auf diesem Weg ist, will man immer mehr und weiter. Koste es was es wolle. Und trotzdem ist die Überwindung oft das Schwierigste…“
Mirjam redete mit ernstem Gesicht. Doch dann lachte sie auf. „Vor allem wenn man sich so viele Gedanken macht…“ Sie sprang auf und pflückte die Feige vom Baum. Bevor sie zurück bei Ephraim war, hatte sie schon das erste Mal hineingebissen. „Schmeckt gut…“
„Oh, und ich glaube, sie hat etwas Farbe gewonnen.“, sagte Ephraim überrascht. „Sie ist reifer geworden!“
Mirjam grinste und setzte sich wieder. „Du willst mir Mut machen, oder? Sag, was passiert jetzt?“
„Schau dir einfach das Land vor uns an. Wenn die Frucht wirken sollte, wirst du es merken.“, antwortete Ephraim.
Der Westen des Landes erschien weiterhin als wunderschönes, herrliches Land. Die Sonne hatte es mittlerweile vollständig in Sonnenglanz eingehüllt. Auch der Nebel war verflogen. Mirjam aß auch noch den Rest der Feige und wartete ab.
Plötzlich veränderte sich tatsächlich etwas. Man hätte meinen können, das Wetter zöge sich zu. Wie in einem Naturspektakel veränderte sich die Atmosphäre. Doch nicht bei ihnen auf dem Berg. Es spielte sich nur in der Landschaft vor ihnen ab. Sie wurde dunkler und trüber.
Auf einmal grummelte es in der Erde. Es war wie ein tiefer, langanhaltender Donner in einem Gewitter. Mirjam hatte ihren Blick ungebrochen auf das Land gerichtet. Dann sah sie, wie sich der Erdboden unten in der Ebene langsam auftat. Ein großer Riss durchzog es von Süden beginnend nach Norden. Und dieser Riss vergrößerte sich immer mehr bis er zu einem richtigen Graben wurde.
Mirjam war schockiert! Es fühlte sich an wie ein Erdbeben – auch wenn die Erde nicht wackelte.
Der Graben teilte nun das Land in zwei Hälften – wurde aber nicht mehr sichtbar größer. Er begann etwas nördlich der unscheinbaren Tür und zog sich dann im Zickzackkurs durch das Land Richtung Norden. Einige Berge wurden durch den Graben vom Bergland, auf dem sie gerade waren, abgetrennt.
Man konnte nun deutlich sehen, dass der Graben die Grenze zwischen dem dunkleren, westlichen Gebiet und dem sonnigen, östlichen Teil, in dem auch ihr Berg lag, darstellte.
Als Mirjams Blick über das Land im Westen glitt, erschreckte sie plötzlich. Sie konnte auf einmal einzelne Dörfer auf der anderen Seite des Grabens erkennen. Sie sahen zunächst ganz gewöhnlich und schön aus. Doch dann erkannte sie, dass viele Häuser Banner mit großen Aufschriften trugen. Sie strengte ihre Augen an, um die Texte lesen zu können, und war dann überrascht, dass sie sie tatsächlich aus dieser Entfernung entziffern konnte. Doch das, was dort zu Lesen bekam, schockierte sie nur noch mehr. „Juden raus!“ war an vielen Häusern zu lesen. Mindestens genauso oft fand sie „Wir sind das neue auserwählte Volk!“. Und in diesen Tönen ging es weiter. „Hier wohnen die wahren Priester!“ oder „Setzt den Talmud in Brand!“ oder „Jeder Rabbiner ein Antichrist“. Bis hin zu „Das jüdische Volk ist eine Lüge!“.
Mirjam musste wegschauen. Diese Bilder verursachten ein Stechen in ihrem Herzen. „Ephraim… Was passiert dort? Was machen diese Leute dort?“
Doch Ephraim schwieg.
„Ich dachte, das gibt es alles nicht mehr.“ Mirjam war erschüttert. Natürlich hatte sie nicht damit gerechnet, so etwas zu sehen. „Das war doch alles früher mal. Warum hier…?“
„Es hat nie aufgehört!“, antwortete Ephraim. „Der Antisemitismus schwelte immer weiter. Oftmals versteckt und manchmal ganz offensichtlich. Und leider hat er auch seinen Weg hier in dieses Land gefunden. Die Bilder, die du gesehen hast, waren sinnbildlich für die Haltung der Dörfer auf der anderen Seite. Aber natürlich trägt nicht jedes Dorf diesen tiefen Hass in sich.“
„Und der Graben? Warum… ? Und warum haben wir ihn bisher nicht gesehen?“ Mirjams Stimme war leise und unsicher.
„Dieses Land lag über Jahrhunderte brach. Es war unbewohnt. Wie eine unbekannte Insel. Doch jetzt hat sich das geändert. Und es entwickelt sich. Es ruht nicht, sondern es verändert sich. Wie ein Mensch, der geboren wurde und nun aufwächst. Auch ein solcher Mensch erhält in seinen Entwicklungsjahren verschiedene Prägungen.
Wir Bewohner dieses Landes bestimmen, in welche Richtung dieses Land geht. Wir prägen es! Wir tragen die Verantwortung dafür.
Doch in den letzten Monaten und Jahren entstand ein immer größer werdender Riss. Die Meinungen und Überzeugungen der Menschen gehen immer weiter auseinander – und sie lassen einen Riss in der Bevölkerung entstehen. Mittlerweile ist er sogar schon zu einem Graben geworden, den allerdings die meisten Menschen gar nicht sehen. Sie können es nicht, sie wollen es nicht. Keine Ahnung.
Es ist kein Zufall, dass dieser Riss in der Nähe des Dorfes der Gemeinschaft beginnt. Ist man neu hier, wird man schon bald vor die Entscheidung gestellt, auf welcher Seite man leben möchte. Und am Anfang ist es noch leicht die Seiten zu wechseln. Später wird das immer schwieriger.
Das Traurige ist, dass es immer mehr von diesen Straßen-Predigern gibt, die zum Beispiel vor dem Torah-Berg stehen und die Leute auf die andere Seite bringen. Die Menschen selbst haben keine Ahnung davon. Auch den meisten Predigern ist das verborgen. Viele meinen es nur gut und wollen ihre Überzeugungen an den Mann bringen. Doch von hier oben sieht die ganze Geschichte ganz anders aus.“
Mirjams Stirn lag in Falten. Ihr Blick war unruhig und in ihrem Kopf kreisten tausend verschiedene Gedanken. „Irgendwie… Ich weiß nicht… Was hat das alles mit Juden zu tun? Ja, klar. Ich weiß, sie sie die Nachkommen des ehemaligen Südreiches. Aber…“
„Auch das ist nichts Neues! Alles war schon einmal da!“, erklärte Ephraim nun weiter. „Spätestens als sich das Königreich Israel spaltete hatte es begonnen. Gott hat das Nordreich sich selbst überlassen. Kennst du den letzten Satz im Richterbuch? „Jeder tat, was recht war in seinen Augen.“ heißt es dort. Und wir wissen, was dabei herauskam. Genauso war es auch bei den zehn Stämmen im Norden Israels. Gott erlaubte – als Strafe –, dass diese ihren eigenen Herzen folgten, aber nicht mehr den von Gott eingesetzten Autoritäten:
Sie hörten auf, der Torah zu folgen. Sie wurden Gott untreu und begannen mit Götzendienst. Und sie rebellierten gegen die menschliche Autorität – den König von Israel und auch gegen den Stamm Juda, dem die Leiterschaft anvertraut worden war.
Diese Rebellion – gegenüber Gott, gegenüber der Torah und auch gegenüber Juda – hat die Jahrhunderte überdauert. Das heißt nicht, dass jeder Antisemitismus die Rebellion des ehemaligen Nordreiches gegenüber dem Stamm Juda ist. Doch sehr häufig ist es leider so. Bis heute. Und ehrlich gesagt, weiß ich nur zu gut, wovon ich spreche. Mich hat der Weg heraus viel gekostet.“
Mirjam erinnerte sich daran, wie Ephraim von den Anfängen des Dorfes der Gemeinschaft erzählt hatte und ihm dabei die Tränen gekommen waren.
„Übrigens braucht man sich nicht sehr anstrengen, um auf die andere Seite des Grabens zu kommen. Der Weg ist sehr einladend und einfach zu gehen. Du wirst es die nächsten Tage sehen, wenn wir vom Bergland hinunterkommen und uns auf etwas herausfordernden Weg nach Norden machen. Die Abzweigung nach Westen wäre viel leichter zu laufen.“
Mirjam fühlte sich innerlich aufgewühlt. Vielleicht war sie wirklich noch nicht bereit dafür gewesen. „Ich glaube, ich würde gerne zurück…“
Ephraim nickte verständnisvoll.
Die beiden machten sich auf den Weg ins Lager. Nach Reden war Mirjam absolut nicht in der Stimmung und Ephraim schien dies zu merken.
Nur ein einziges Mal sagte Mirjam etwas. „Warum hast du eigentlich nur mich mitgenommen? Was ist mit Rut und den anderen?“
„Die anderen bringen wir auch noch hin.“, erklärte er. „Aber den Baum kann man nur mit maximal zwei Personen besuchen. Und wenn man zu zweit ist, muss einer von ihnen schon zuvor eine Frucht gegessen haben. Sonst funktioniert es nicht. Frag mich nicht, wie der Baum das merkt. Aber er ist ja definitiv kein gewöhnlicher Feigenbaum.“
Den Rest des Weges war Mirjam tief in Gedanken versunken. Ihr war schrecklich zumute. Die ganzen Einblicke hatten ihr doch zugesetzt. Der Graben, die trübe Atmosphäre. Dazu noch die Banner an den Häusern. Mit all dem hätte sie nicht gerechnet.
Wie wird das alles nur weitergehen? Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Seiten waren ja schon deutlich zu sehen.
Vielleicht sollte sie die anderen auch langsam in ihr Geheimnis einweihen!?
…
Weiter geht es in Teil 12…
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Mariusz86
7. Mai 2017 @ 16:48
Shalom Hosea,
interessant, es ist ja von spaltungen zwischen Haus Israel und Haus Juda, die rede.
Aber auch unter dem Haus Israel, wie ich jetzt sagen würde gibts viele spaltungen, wie oben beschrieben : Mit Talmud und so…, einige nehmen die guten Sachen aus dem Talmud, andere verstehen den nicht bzw. lehnen das ab.
Gibt es einen Talmud, den du empfehlen kannst, den es gibt einmal den Babylonischen und einmal den Jerusalemer Talmud.
Shalom
Mariusz