Ephraim auf dem Weg – 10. Der Berg der Identität
– Beachte: Dies ist Teil 10 von “Ephraim auf dem Weg” – Weitere Teile –
Nach und nach kroch einer nach dem anderen aus seinem Zelt heraus. Es war früh am Morgen und noch etwas frisch. Doch nachdem das Feuer wieder entfacht war und die ersten Tassen Tee ausgeschenkt waren, wurden alle schnell munter.
Auch noch nach dem Frühstück saßen sie zusammen und Ephraim nutzte die Zeit, um über die Pläne für den heutigen Tag zu aufzuklären. „Wir lassen unser Lager hier aufgeschlagen. Unser heutiges Ziel ist nicht weit und ohne Gepäck ist es den Berg hinauf um einiges angenehmer. Später kehren wir dann wieder hierher zurück.“
Obwohl die Zeit nicht drängte, dauerte es nur kurz, bis alle bereit zum Aufbruch waren. Zu groß war die Vorfreude darauf, das Bergland noch weiter zu erkunden.
Der Weg führte sie den Berg hinauf. Doch heute fühlte es sich eher nach Spazierengehen an. Die Kinder rannten fröhlich abseits des Weges und dachten sich Spiele aus, die die Erwachsenen nicht verstanden. Diese widmeten ihre Aufmerksamkeit allerdings auch eher dem immer schöner werdenden Ausblick. Regelmäßig blieb einer von ihnen stehen und betrachtete voller Faszination die sich vor ihnen ausbreitende Landschaft.
Nicht nur bei Mirjam hatten sich über die Nacht noch einige Fragen angesammelt. Auch die anderen brannten darauf, mehr über das gestrige Thema zu wissen. Und es schien, als wäre jetzt die beste Zeit, Nadav und Ephraim mit Fragen zu löchern.
„Sagt mal…“, startete Mirjam. „Der Weg hierauf zum Berg, den wir gestern gegangen sind,… den habt doch bestimmt ihr angelegt oder? Zumindest würde euer Verhalten gestern dafür sprechen.“
„Ehrlich gesagt, war es Jotams Idee.“, antwortete Nadav. „Er hat uns viele Tipps gegeben und natürlich dabei geholfen, diese Tische herzustellen. Alleine hätten wir das nicht geschafft.“
„Die waren echt klasse! Ein großes Lob an Euch! Und natürlich an Jotam. Auch wenn ich ihn noch gar nicht kenne.“, sagte Rinah.
„Oh, ihr müsstet ihr unbedingt kennenlernen. Es ist so schön, ihm zuzuhören.“, warf nun Rut ein.
„Ach übrigens…“, Ephraim wandte sich Gideon zu. „Du hattest mich doch gestern Nacht noch gefragt, warum gerade jetzt so viele Menschen in dieses Land kommen. Irgendwie ging deine Frage unter. Aber jetzt, da wir gerade bei Jotam sind, passt sie sehr gut.“
Ephraim legte eine künstlerische Pause ein und schwenkte seinen Blick ins Weite. Doch eigentlich brauchte er nicht darauf zu warten, dass die anderen ihm zuhörten. Jeder war gespannt auf seinen Bericht.
„Ihr müsst wissen, dass dieser uns bekannte Teil des Torah-Landes über Jahrhunderte nahezu verwaist war. Es lebten so gut wie keine Menschen hier. Und somit wurde auch nichts gebaut oder angebaut …“
„Oh,…“, Mirjam hakte sich ein. „Wird denn heutzutage Getreide oder so angebaut? Ich habe davon noch gar nichts mitbekommen.“
„Doch, ja!“, rief Rinah dazwischen. „Als wir die ersten Tage ohne euch unterwegs waren, sind wir an einigen Weizen- und Gersten-Feldern vorbeigelaufen.“
„Die Landwirtschaft ist noch nicht sehr groß…“, sprach nun Ephraim weiter. „Aber sie wächst stetig. Schließlich kommen ja immer mehr Menschen hierher. Viele von ihnen lebten zuvor in großen Städten und gewinnen hier ganz neu eine Liebe für die Natur und den Anbau des Landes. Doch zurück zur Entwicklung dieses Landes…
Natürlich gab es schon vor vielen Jahrzehnten Menschen, die den Weg hierher fanden. Manche kamen bewusst, aber ich denke, die meisten sind zufällig durch eine der Türen gegangen. Aber es waren tatsächlich nur Vereinzelte. Und sie lebten hier alleine und voneinander isoliert.
Doch das sollte sich ändern! Vor einigen Jahren passierte es, dass plötzlich mehr und mehr Menschen den Weg durch die Türen fanden. Oft war es so, dass sie von ganz alleine darauf stießen. Dass Menschen auf der großen Straße stehen und andere von Gebäck oder Kuchen probieren lassen, ist noch eine ganz frische Bewegung.
Als die ersten hier ankamen, dauerte es noch eine ganze Weile bis sie sich fanden und begannen, in Gemeinschaft zu leben und gemeinsam zu forschen. Ihr müsst wissen, dass dieses Land riesig ist. Tatsächlich kennen wir hier nur einen kleinen begrenzten Ausschnitt davon. Doch in der näheren Umgebung ist es der Teil, in der die Bevölkerung derzeit am stärksten zunimmt. Aber natürlich habe auch ich nur eine sehr begrenzte Sicht.“
„Seit wann bist du denn hier?“, fragte Rut.
„Ich war einer derjenigen, die noch relativ am Anfang hierher kamen. Es waren schon ein paar vor mir hier. Diese planten gerade, näher zusammenzuziehen. Aus diesen Plänen ist dann das Dorf der Gemeinschaft entstanden, bei dessen Bau ich mithelfen durfte.
Es war eine sehr gesegnete Zeit und der Bau des Dorfes war genau richtig. Noch heute staunen wir darüber, wie Gott alles geführt hat. Vor allem auch die wunderbare Lage. Viele Neuankömmlinge waren heilfroh, im Dorf eine erste Anlaufstelle zu haben. So war es auch bei Nadav, der einer der ersten war, die wir im fertiggestellten Dorf begrüßen durften.“
Alle blickten nun zu Nadav, der die anderen anlächelte und dann antwortete.
„Es war ein riesiges Geschenk, so empfangen zu werden. Ihr, Rut und Mirjam, habt es ja auch erlebt. Ephraim und ich haben uns sofort gut verstanden. Und es war unser idealistischer Eifer, der uns vorantrieb, dieses Land mit aufzubauen und auch zu erkunden.“
„Wow, da habt ihr ganz schön was geleistet!“, sagte Rut. Mittlerweile war die Gruppe stehengeblieben und hatte es sich für eine kleine Rast im Gras bequem gemacht.
„Aber…“, nun war es Gideon, der mit einem Blick zu Ephraim einhakte. „Darf ich fragen, was das alles mit Jotam zu tun hat?“
„Jotam lebt schon sehr, sehr lange hier. Er hat gesehen, wie die ersten ankamen. Und natürlich hat er auch mitbekommen, wie das Dorf der Gemeinschaft gebaut wurde.“
„Und war er über den Zustrom von Menschen überrascht?“, fragte Gideon.
„Nein.“, sagte Ephraim. „Man sagt, die Weisen hätten gewusst, dass schon bald viele Menschen erscheinen würden. Jotam ist wie die anderen Weisen nur deshalb mit seiner Familie hierher gezogen.“
„Aber… Ich verstehe nicht…“, Mirjam runzelte ihre Stirn. „Soweit ich weiß, hattest du Jotam ja lange nicht gekannt. Warum hat er mit seiner Familie nicht mit im Dorf der Gemeinschaft gelebt?“
Ephraims Blick hatte plötzlich einen sehr traurigen Ausdruck und Mirjam wusste nicht, ob sie vielleicht eine falsche Frage gestellt hatte. Ephraim rang mit den Worten und überlegte. In diesem Moment musste Mirjam daran denken, wie zugeknöpft Ephraim noch vor kurzem war. Doch jetzt war er ganz anders.
„Also… Wisst ihr…“, Ephraim kniff die Augen zusammen und auch Nadav blickte zu Boden. „Es stimmt nicht ganz, dass ich Jotam erst kennengelernt habe, als ich diese… ich nenn es mal Vergiftung hatte. Die Weisen hatten von Anfang an keinen leichten Stand bei allen die durch die Türen kamen. Sie boten zwar früh ihre Hilfe an und wollten sich auch beim Aufbau des Dorfes beteiligen. Mit Sicherheit hätten sie auch jedem, der gewollt hätte, die Torah gelehrt. Doch… Genau das war das große Problem! Wir wollten nicht zuhören. Wir wussten sozusagen alles besser. Es kam sogar dazu, dass unser Anführer sie beschimpfte und sagte, dass sie sich nicht mehr blicken lassen sollten!“
„Was?? Das ist ja schrecklich!!“ Rut war entsetzt. „Was war das denn für ein Anführer?“
Ephraim blickte Rut an. Einzelne Tränen liefen ihm über das Gesicht. In diesem Moment kannte jeder die Antwort auf Ruts Frage.
Betretende Stille trat ein.
„Entschuldigt mich bitte…“ Ephraim stand auf und lief langsam hinter einige Felsen außer Sichtweite der Gruppe.
Es dauerte noch einige Augenblicke, bis Nadav das allgemeine Schweigen brach:
„Ich denke, ihr könnt euch geehrt fühlen. Abgesehen von mir seid ihr die allerersten, denen Ephraim davon erzählt. Ich selbst habe die ganze Geschichte damals nur am Rande mitbekommen. Und die Gründer des Dorfes hüllen sich bis heute in Schweigen. Insofern könnt ihr euch vorstellen, wie demütigend es für uns – und besonders für Ephraim – war, als Jotam den einen Tag ins Dorf kam und Ephraim zur Heilung verhalf. Ich glaube auch deshalb hielt es Ephraim nicht mehr im Dorf aus.“
„Mein Bild von ihm schmälert sich dadurch keineswegs.“, sagte nun Mirjam. „Man muss sich doch nur anschauen, wie es Ephraim verändert hat und er nun mit Jotam umgeht. Wieviel Respekt er ihm entgegen bringt. Wenn Stolz bricht und man durch Zeiten der Buße geht, macht das einen nur gefestigter.“
„Ja, du hast Recht!“, sagte Rinah. „Große Leiter gehen zuerst durch Krisen bevor sie wirkliche Leiter sein können!“
Auch Gideon und Rut reagierten mit einem zustimmenden Nicken.
„Vielleicht… hm… sollten wir das Thema jetzt einfach wechseln.“, sprach Nadav. „Schließlich haben wir ja noch immer nicht die ursprüngliche Frage von Gideon beantwortet. Du hattest gefragt, warum diese Flut von Menschen in dieses Land hinein gerade jetzt passiert? Warum nicht 100 Jahre vorher und warum nicht 100 Jahre später?“
„Und auch, wie Jotam davon wissen konnte!“, warf Rut ein.
„Ja, genau. Und damit sind wir direkt auf der richtigen Spur. Denn wir finden den Hinweis in der Bibel selbst… Hier, ich habe eine dabei…“
Nadav holte eine Bibel aus seinem Rucksack und begann zu blättern. Schnell fand er die gesuchte Stelle.
„Im Propheten Hesekiel lesen wir etwas sehr Interessantes:
Du aber lege dich auf deine linke Seite und lege die Missetat des Hauses Israel darauf. Für die Zahl der Tage, die du darauf liegst, sollst du ihre Schuld tragen. Ich aber habe dir die Jahre ihrer Schuld in ebenso viele Tage verwandelt, nämlich 390 Tage. So lang sollst du die Schuld des Hauses Israel tragen.
Wir lesen hier im vierten Kapitel von Hesekiel, wie die Tage, nein, die Jahre für das Nordreich festgelegt werden, in der sie ihre Schuld tragen sollen. Man muss dazu wissen, dass Hesekiel in eine Zeit hinein prophezeit, in der das Nordreich schon im Exil ist und auch das Südreich unmittelbar davor steht. Allerdings herrscht im Volk des Hauses Juda die Hoffnung, dass die Gefangenen von den 10 Stämmen und auch die vom Südreich, von denen es bereits welche in Babylon gibt, befreit werden und zurückkommen. Doch diese Hoffnungen zerstört Hesekiel. Im Gegenteil. Er prophezeit sogar, dass zum einen auch das Haus Juda ins Exil gehen muss und zum anderen, dass die Strafjahre für das Nordreich noch lange nicht vorbei sind.
Ihr wisst ja, die große Hoffnung des Volkes war, dass es wieder ein vereintes Königreich Israel geben würde mit einem großen König. Doch das ist weder damals passiert, noch zu irgendeiner anderen Zeit. Bisher…
Und so rief Hesekiel den Leuten zu: Wacht auf! Bereitet euch auf das Exil vor und hört auf zu Träumen! Jetzt ist es an der Zeit, Buße zu tun.
Ja, ich weiß. Ich sehen euren Gesichtern an, dass jeder die gleiche Frage auf den Lippen hat: Die Strafzeit für die zehn Stämme aus dem Nordreich wurde auf 390 Jahre festgelegt. Das habe ich eben erst vorgelesen. Doch bis heute sind sie nicht wieder zurückgekommen. Wie kann das sein, wenn das Ganze schon Jahrtausende her ist?!
Um dies zu beantworten, werfen wir einen Blick ins dritte Buch Mose. Denn dort wurde etwas Entscheidendes festgelegt.
Im 26. Kapitel lesen wir, dass Gott sein Volk vor Untreue warnt. Er hat es ins verheißene Land geführt. Aber daran stellte Er Bedingungen – nämlich das Leben nach der Torah. Wenn nun das Volk diese Richtlinien nicht einhalten würde, werde es dafür bestraft werden – nicht um der Strafe willen, sondern natürlich damit es umkehre! Doch wenn eine Strafmaßnahme nichts nutzen würde, sollte die Strafe versiebenfacht werden.
Nun lesen wir auch, dass Gott verschiedene Strafarten androhte. Und jedes Mal werde bei Ungehorsam diese Strafe versiebenfacht, sollte das Volk noch immer nicht hören. Insgesamt lesen wir von vier Stufen von Bestrafungen – so nenne ich es jetzt einfach mal. Die letzte Stufe ist die, dass das Volk aus dem Land hinaus, ins Exil, muss.
Hier, hört zu. Ich lese euch die Verse der letzten Stufe vor:
So will ich mich auch euch im Grimm widersetzen.
Seht ihr? Auch euch. Das Volk widersetzt sich, also tut es Gott auch.
Ja, ich werde euch siebenfach strafen um eurer Sünden willen. Und ich will eure Städte zu Ruinen machen und eure heiligen Stätten verwüsten und euren lieblichen Geruch nicht mehr riechen. Und ich will das Land verwüsten, so dass eure Feinde, die darin wohnen werden, sich davor entsetzen sollen.
Euch aber will ich unter die Heidenvölker zerstreuen und das Schwert hinter euch her ziehen, so dass euer Land zur Wüste wird und eure Städte zu Ruinen. Dann wird das Land seine Sabbate genießen, solange es verwüstet liegt und ihr im Land eurer Feinde seid. Ja, dann wird das Land ruhen und seine Sabbate genießen dürfen…“
„Ok, ich glaube, ich verstehe…“ Mirjam hatte wie schon so häufig einen Schritt vorausgedacht. „Die ganze Geschichte mit dem Exil der zehn Stämme muss ungefähr 700 Jahre vor Christus begonnen haben. Anscheinend ist das Nordreich nicht umgekehrt und deshalb wurden ihre 390 Strafjahre versiebenfacht. Das macht dann… ähm… 2730 Jahre.“
„Puh, das ist ganz schön lange…“, sagte Rinah.
„Oh… Und wenn man mit 700 vor Christen berechnet, welches Jahr 2730 Jahre später ist, kommt man auf… auf das Jahr 2030.“, rechnete Gideon vor.
„Nadav, weißt du, wann genau das Nordreich weggeführt wurde?“, fragte Mirjam.
„Ja, man ist sich ziemlich sicher, dass das entweder 721 oder 722 vor Christus war.“
„Wow! Das heißt, wir müssen nochmals 21 oder 22 Jahre abziehen und dann landen wir tatsächlich in unserer heutigen Zeit!!!“, sagte Rut ganz aufgebracht.
Mirjams Kopf begann sich zu drehen. „Kann das alles sein? Stehen wir heute hier auf diesen Bergen und verstehen all diese Dinge, weil vor fast dreitausend Jahren Menschen aus dem Gelobten Land verbannt wurden und sich mit den anderen Völkern durchmischt haben?“
„Der Israel-Same war immer da.“, erklärte Nadav. „Er wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Doch erst als die Strafzeit, die 2730 Jahre, vorüber waren, konnte der Same aufgehen.“
„Sind wir denn jetzt schon zurück im Verheißenen Land?“, wollte Gideon wissen.
„Nein, wir sind in der Wüste!“, sagte Mirjam trocken. Alle anderen blickten sie fragend an.
„Wie kommst du darauf, Mirjam?“, wollte Rut wissen.
„Na, der Boden! Du hast dich wahrscheinlich auch schon so sehr daran gewöhnt. Aber erinnerst du dich noch an deiner ersten Schritte, als du durch die Tür gekommen bist? Ich weiß noch ganz genau, wie es sich anfühlte.“
„Wüste ist sicherlich der beste Ausdruck dafür.“, sagte Nadav. „Wie das Volk Israel, das damals 40 Jahre durch die Wüste musste, sind auch wir auf dem Weg zurück ins Verheißene Land. Und dieser Weg ist wie damals nicht einfach. Und außerdem beinhaltet er wie beim ersten Mal, dass man die Torah kennenlernt und sich aneignet, danach zu leben. Denn das ist eine, wenn nicht DIE Voraussetzung für das Leben im Gelobten Land.“
In diesem Moment kam Ephraim zurück. Nadav und auch Gideon gingen ihm einige Meter entgegen, umarmten ihn und sprachen kurz mit ihm. Dann kamen sie zu den anderen zurück. Man sah ihm nicht an, dass er wenige Minuten zuvor noch von Trauer übermannt war.
„Ich denke, wir können weitergehen, oder?“, sagte Ephraim mit einem Lächeln im Gesicht. Bevor er sich umdrehte, blieb sein Blick für einen kurzen Moment bei Mirjam stehen. Dieser huschte ein kleines Lächeln über die Lippen, womit sie ausdrücken wollte, dass sie keinerlei Groll oder Abneigung gegen ihn hegte. Doch wahrscheinlich hatte er es schon ihren Augen angesehen.
Ephraim rief die Kinder und veranstaltete ein kleines Wettrennen, bei dem er sie gewinnen ließ. Die anderen folgten. Allerdings weniger schnell und gedanklich schon bald wieder beim vorherigen Thema angekommen.
„Nadav, wie passt eigentlich Yeshua in diese ganze Geschichte hinein?“, fragte Rut, die direkt neben Nadav ging.
„Das ist eine wichtige Frage, Rut.“, antwortete Nadav. „Nicht zufällig finden wir auch im Neuen Testament einige deutliche Hinweise zur ganzen Thematik. Zum Beispiel hat Yeshua gleich mehrere Male sagt, für wen er gekommen ist…“
„Zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel…!“ Rut blickte faszinierend zu Nadav. „Na, klar! Das macht Sinn. Die zehn Stämme sind in der ganzen Welt verstreut und Yeshua ruft sie zur Buße, damit sie wieder zurück können.“
„Ich sehe, ich muss gar nichts mehr erklären. Das liegt bestimmt an der besonderen Luft hier.“ Nadav grinste als er dies sagte. „Yeshua sagte zu seinen Jüngern Geht nicht auf die Straße der Heiden. Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Das zeigt doch alles!“
„Aber die Jünger sind doch zu den Heiden gegangen. Oder etwa nicht?“, wollte Rinah wissen.
„Ja, das schon…“, antwortete nun Ephraim, der mittlerweile wieder bei der Gruppe lief. „Doch die Frage ist, zu welchen Heiden…!? Vor allem wenn wir den hebräischen Kontext beachten. Heidenvolk heißt im Hebräischen schlicht goy oder goyim in der Mehrzahl. Und Ephraim, dem leitenden unter den zehn verlorenen Stämmen, wird von seinem Großvater prophezeit, dass seine Nachkommen mal zu vielen goyim werden sollen. Spannend, oder?“
„Es ist genauso, wie du eben gesagt hast, Rut.“, erklärte Nadav. „Yeshua hat die verlorenen und zerstreuten Stämme zur Buße gerufen und seine Jünger haben diese Nachricht in alle Welt getragen. Das heißt natürlich nicht, dass nur die Nachkommen dieser Stämme zurück in den Bund dürfen. Jeder hat die Möglichkeit dazu. Doch die Botschaft ging primär an die Stämme.“
Mittlerweile waren sie auf dem höchsten Punkt des Berges angekommen. Und spätestens jetzt wussten sie alle, warum Ephraim und Nadav sie hierhergebracht hatten. Die Aussicht hatte etwas Elektrisierendes. Keinem von ihnen war das während des Weges hinauf so deutlich aufgefallen.
Doch jetzt standen sie alle staunend da und blickten auf die Täler und die anderen Berge, die sich vor ihnen auftaten. Sie konnten den Torah-Berg sehen und den Bücher-Pavillion ausmachen. Weit hinten sahen sie eine lange Mauer, die die Grenze zur großen Straße und der Welt dahinter darstellte. Sie blickten auf viele Wege, Bäume und sahen Vögel, die über die Landschaft flogen.
Jetzt als sie über dieses Land blickten und den Weg, den sie bereits gegangen waren, nachverfolgen konnten, erkannten sie das große Bild. Sie verstanden die Zusammenhänge des geteilten Königreiches Israels und das Ziel, dieses wieder zu vereinen. Sie verstanden ihre Identität – die ganz eng mit den verlorenen Schafen des Hauses Israels zu tun hat. Und sie verstanden, dass es ein Ziel gibt. Es ist das gleiche Ziel, dass Israel 40 Jahre in der Wüste hatte: Das Gelobte Land!
Mirjam merkte, dass der Ausblick ihren Verstand schärfte. Das ganze Thema, das sie auf dem Weg hierher gehört hatten, setzte sich tiefer. Sie blickte in die Weite und tief in ihrem Herzen spürte sie eine große Sehnsucht, die sie nie zuvor gemerkt hatte:
Wenn das hier die Wüste ist, wie sieht es dann erst im Gelobten Land aus?
…
Weiter geht es in Teil 11…
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