Ephraim auf dem Weg – 14. Ein Nebeltrauma
– Beachte: Dies ist Teil 14 von “Ephraim auf dem Weg” – Weitere Teile –
Die Anspannung war greifbar. Mirjam hatte ihre Sachen fertiggepackt und vertrieb sich mit den drei Kindern Daniel, Sirach und Naema die Zeit. Doch mit ihren Gedanken war sie weit weg.
Dieses Mal war es etwas anders gekommen als geplant. Nachdem sie beschlossen hatten, ihre Reise fortzusetzen, hatte es nur wenige Stunden gedauert bis der Wetterumschwung kam. Ein riesiges Gewitter war aufgezogen und wütete nicht nur am Abend und in der Nacht. Auch der folgende Tag war stürmisch und verregnet. Ihnen war nichts anderes übriggeblieben, als ihren Aufbruch zu verschieben.
Das Haus und die Gesellschaft von Jedediah und Neria waren natürlich dankbare Orte für einen längeren Aufenthalt. Doch es sollte noch eine weitere Änderung geben: Gideon und Rinah entschlossen sich, nicht mitzukommen!
Das war für alle anderen mehr als überraschend und sie waren sehr bestürzt. Doch als die beiden erklärten, dass es nicht an der Gruppe läge, sondern sie als Familie noch etwas Zeit bräuchten, waren sie beruhigt. Jedediah und Neria waren wohl zuvor schon eingeweiht gewesen und Mirjam schien es, als würden sie gerne noch etwas mehr Zeit mit dem älteren Ehepaar haben wollen.
Am Abend klarte der Himmel auf und es wurde auch wieder wärmer. Die Nacht war ruhig und so entschieden sie gemeinsam heute Morgen beim Frühstück, dass sie aufbrechen würden.
Mirjam hatte ihre Sachen relativ schnell beisammen und freute sich, noch etwas Zeit für die Kinder zu haben und mit ihnen zu spielen. Der Garten und die Natur im Allgemeinen hier bei Jedediah und Neria waren herrlich und luden zum Genießen ein. Doch innerlich war sie unruhig.
Als Rut, Nadav, Ephraim und Shimon fertig bepackt und zusammen mit Jedediah und Neria aus dem Haus kamen, passierte etwas Sonderbares.
„Schaut mal dort oben!“, rief Sirach und zeigte mit seinem Finger in den Himmel.
„Was ist das denn?“ Mirjam wusste nicht recht, ob sie fasziniert oder schockiert sein sollte.
Am Himmel sahen sie vier riesige Vögel. Sie wirkten majestätisch, während sie ruhig und gleichmäßig in nord-östliche Richtung flogen. Doch vor allem waren sie sehr, sehr groß!
„So riesige Vögel habe ich ja noch nie gesehen. Sind das Adler?“, fragte Rut während sie mit gefesseltem Blick nach oben schaute.
„Ja, das sind die Neshkan-Adler.“, antwortete Ephraim.
„Wow, Neshkan-Adler…“, flüsterte Sirach mit höchster Bewunderung.
„Warum sind die so groß, Mama?“, sagte nun Naema.
„Weil sie schwere Lasten tragen müssen.“, antwortete Ephraim.
„Das sind doch Menschen!!!“, rief Mirjam. „Stimmt das? Sitzen bei ihnen tatsächlich Menschen auf dem Rücken?“
„Ja, das stimmt! Bis zu drei Leuten können auf ihnen fliegen.“, erklärte Ephraim. „Sie bringen sie ins Gelobte Land.“
„Und warum neh’m wir die Dinger nich‘? Geht viel schneller als zu Fuß.“, fragte Shimon.
„Sie bringen einen nur für kurze Zeit dorthin. Nach einigen Tagen nehmen sie dich automatisch wieder mit und befördern dich zurück zum Ausgangspunkt. Man kann sich gar nicht dagegen wehren.“, erläuterte Ephraim.
„Und ist das dann nicht eher frustrierend? Warum fliegt man dann überhaupt?“, sagte Rut.
„Ich würde sofort mit denen fliegen!!“ rief Daniel mit überschwänglicher Begeisterung.
Mittlerweile waren die Adler außer Sichtweite.
„Jede Minute im Gelobten Land ist kostbar!“, klärte Jedediah nun auf. „Selbst wenn du nur für eine Stunde dort bist, bringt dich das weiter. Du erhältst neue Erkenntnisse und einen neuen Fokus. Seht euch Ephraim und Nadav an. Sie hatten schon einige Male die Möglichkeit dazu.“
„Ihr seid mit den Neshkan-Adlern geflogen? Wie cool…“ Sirach schaute Ephraim mit großen Augen an.
„Ja, das sind wir.“, Ephraim lächelte Sirach an. „Und das ist der Grund, warum wir diesen Weg gehen. Das Ziel ist herrlich. Und wir wollen wieder dorthin zurück.“ Ephraim machte eine kurze Pause, schaute in die Runde und redete dann weiter. „Ich finde, das ist ein gutes Stichwort. Seid ihr bereit? Starten wir?“
Die Verabschiedung fiel ihnen dieses Mal schwerer als je zuvor. Doch Rinah und Rut waren sich sicher, dass sie sich alle schon bald wiedersehen würden.
So brachen Mirjam, Rut, Nadav, Ephraim und Shimon auf.
Sie nahmen eine Abkürzung nach Norden, so dass sie nicht erst wieder den kleinen Pfad zurück zur Straße nehmen mussten, sondern auf direktem Weg in die Richtung des großen Sumpfes gehen konnten.
Großer Sumpf… dachte sich Mirjam. Das hört sich nicht wirklich einladend an. Und an diesem Punkt verstand sie die heutige Anspannung. Ihr Weg führte sie heute durch einen Teil des Landes, den keiner von ihnen zuvor gegangen war – insbesondere Ephraim und Nadav nicht. Es bedeutete eine ganz neue Form des Abenteuers.
Mirjam freute sich sehr, dass Shimon mitgekommen war. Seit seinem Gespräch mit Jedediah war er wie ausgewechselt. Anschließend war er sogar zu ihr gekommen, um sich zu entschuldigen. Das hatte sie sehr berührt. Es ist einfach erstaunlich, wie dieses Land und das Gehen auf dem Weg die Menschen verändert, dachte sie.
Mirjam blickte sich um und schaute ein letztes Mal zurück zum Haus von Jedediah und Neria. Dabei fiel ihr das Bergland im Hintergrund des Hauses ins Auge, in dem sie vor einigen Tagen gewandert waren und von wo aus sie nicht nur herrliche Ausblicke genießen, sondern auch starke Erkenntnisse haben durften. In diesem Zusammenhang drängte sich ihr eine Frage auf. „Nadav! Das Bergland ist doch so riesig. Es gibt doch bestimmt noch viel mehr Aussichtspunkte, von denen man aufschlussreiche Erkenntnisse gewinnen kann. Warum haben wir nicht noch mehr von diesen Plätzen besucht?“
„Ich glaube, weil einfach die Zeit dafür noch nicht reif ist. Die hohen Gipfel sind bisher noch nicht erforscht. Sie sind schwer zu erreichen und soweit ich weiß, hat es seit der Neubesiedlung des Landes noch keiner bis dahin geschafft. Beziehungsweise hat das bisher noch keiner richtig gewollt. Ich weiß nicht, warum. Aber es ist immer so viel im Wandel. Wir werden sehen…“
„Aber wer hat denn dann die Türme dort oben gebaut?“, wollte Rut wissen.
„Das waren die Weisen. Schon vor vielen, vielen Jahren.“, antwortete Ephraim.
So richtig befriedigend waren die Antworten für Mirjam nicht. Doch sie hatte sich damit abgefunden, dass es in diesem Land nicht auf jede Frage eine Antwort gab. Zumindest nicht immer sofort.
Sie kamen schon bald auf den befestigten Weg, der sie nun in östliche Richtung führte. Doch schon bald veränderte sich dieser Weg. War er bisher meistens geteert oder geschottert gewesen, wurde er jetzt mehr und mehr zu einem kleinen Pfad. Schließlich verschwand er vollständig und sie liefen querfeldein.
Nach einiger Zeit, erblickten sie etwas, womit zumindest Mirjam, Rut und Shimon nicht gerechnet hatten. Sie sahen ein großes Zeltlager, in dem man schon von erkennen konnte, dass es bewohnt war.
Als sie näher kamen, schätzte Mirjam die Anzahl der Zelte. Es mussten über 20 Zelte von unterschiedlicher Größe sein. Hinter dem Zeltlager erstreckte sich ein langgezogener Waldrand.
Es dauerte nicht lange bis auch sie von einigen Personen entdeckt wurden. Doch Mirjam fiel die Kinnlade herunter, als sie die Reaktionen der Menschen hörte.
„Schaut mal, da kommen welche.“
„Oh, ist das etwa Ephraim?“
„JA, es ist Ephraim!“
„Ephraim ist da!!!“, hallte es durch das Zeltlager.
„Nadav ist auch dabei!“
Schnell kamen mehr und mehr Leute auf die Neuankömmlinge zu gerannt und begrüßten Ephraim, Nadav und die anderen.
„Stark, dass du wieder hier bist!“, sagte ein Mann, der Ephraim überschwänglich in die Arme genommen hatte.
Trotz diesem besonderen Empfang wirkte Ephraim reserviert. Er grüßte alle freundlich zurück, aber es war nicht zu übersehen, dass ihm dieser Trubel um seine Person unangenehm war.
Auch Nadav und die anderen wurden begrüßt. Doch die Menschen dieses Lagers waren ausschließlich auf Ephraim fixiert. Man sah ihnen eine hohe Erwartungshaltung an. Was würde Ephraim sagen und tun?
„Erzähl, Ephraim…“, sprach der Mann, der Ephraim eben umarmt hatte. „Wie ist es dir ergangen und wie geht es weiter? Viele von uns sind hier schon seit Wochen, einige fastend und betend. Wir sehnen uns nach Rat und nach Antworten auf so viele Fragen.“
„Ich glaube nicht, dass ich derjenige bin, der euch Antworten geben kann, Rafael.“, erwiderte Ephraim. „Doch ich kann dir sagen, welchen Weg wir als nächstes gehen wollen.“
„Von welchem Weg sprichst du?“, Rafael schaute Ephraim fragend an. „Wir sitzen hier in einer Sackgasse, das weißt du. Es geht hier nicht weiter.“
„Wir suchen einen Weg durch den Wald… und dann durch den Sumpf!“
Plötzlich trat eine Stille ein, bei der Mirjam ziemlich unbehaglich wurde. Die Begeisterung über Ephraims Ankunft war wie verflogen. Mirjam schaute in Gesichter voller Überraschung, Zweifel und Unverständnis.
„Du weißt, dass es dort keinen Weg gibt.“, sagte Rafael.
„Und ich denke, du weißt, dass wir es noch nie richtig probiert haben.“, entgegnete Ephraim. „Es muss irgendwie weitergehen. Und das Sumpf-Gebiet ist das einzige, dass übrig bleibt.“
„Irgendwie hatte ich auf eine andere Lösung gehofft.“, sagte eine Frau, die direkt neben Rafael stand.
„Und ich habe die Hoffnung darauf längst noch nicht aufgegeben!“ Rafaels Stimme war fest und bestimmend. „Komm, Ephraim. Setzt euch zu uns. Lass uns doch erstmal hören, was es Neues gibt und ob es nicht doch noch andere Möglichkeiten gibt.“
Rafael und Ephraim gingen nun voraus zu einem Platz, der in der Mitte der ganzen Zelte lag. Dort waren einige Decken ausgelegt. Außerdem gab es ein paar Stühle und Tische.
Auf dem Weg folgten alle anderen Menschen. Dabei blieb Nadav allerdings dicht bei Mirjam, Rut und Shimon. Leise klärte er sie über dieses Zeltlager auf. „Wir kennen die meisten Leute, die hier lagern. Fast alle sind durch Ephraim hierhergekommen – das habt ihr euch sicherlich schon gedacht. Aber lange wusste keiner von uns, wie es weitergehen sollte. Manche erwarten eine wundersame Änderung der Umstände, aber ich glaube manche haben schon befürchtet, dass der einzige Weg nur durch den Sumpf führt. Wir selbst haben auch schon lange mit dem Gedanken gespielt. Aber erst jetzt ist erst der Augenblick dazu gekommen…“
Nach einer kleinen Pause flüsterte Nadav weiter. „Wahrscheinlich werden wir hier einige Stunden verbringen. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner von ihnen mitkommen wird. Zumindest nicht heute. Und ich glaube, es ist gut, wenn wir auch niemanden dazu überreden.“
Tatsächlich sollte sich die Vermutung Nadavs bewahrheiten. Während sich Shimon etwas die Beine vertrat, saßen Nadav, Mirjam und Rut in den nächsten Stunden nebeneinander auf einer Decke und hörten den Gesprächen von Ephraim, Rafael und den anderen zu. Diese unterhielten sich über das Land und die aktuellen Vorkommnisse – insbesondere über die andere Seite des großen Grabens – und darüber, wie es weitergehen könnte.
Ephraim blieb fest bei seiner Überzeugung, den Weg durch den Sumpf zu probieren. Es wäre auch schwierig gewesen ihn davon abzubringen. Doch dieser Versuch wurde gar nicht mehr ernsthaft unternommen. Wohl auch, weil es an Alternativen mangelte.
Dennoch veranlasste dies keinen im Zeltlager, sich der Gruppe anzuschließen. Trotz Sackgasse. Letztendlich kam es dann so, wie Nadav vorausgesagt hatte. Sie machten sich wieder auf und ließen das Zeltlager mit allen Menschen dort hinter sich.
Damit waren sie weiterhin zu fünft unterwegs und gingen geradewegs auf den langgezogenen Wald zu. Die Bäume waren nicht nur sehr dichtgewachsen und klein. Als sie darauf zugingen, sahen sie, dass sie auch so äußerst ungewöhnlich waren.
„Unglaublich, wie dicht diese Bäume sind. Sie wirken so, als ob sie den Weg versperren.“, sagte Rut.
„Ja, den Gedanken hatte ich auch schon.“, erwiderte Ephraim. „Das sind wirklich befremdliche Bäume. Nicht gerade einladend…“
Shimon, der die Bäume aus der Nähe inspizierte, runzelte die Stirn. „Große Frage is‘, wie wir da reinkomm‘n. Alles stark verwachsen. Müssen wohl auf dem Boden kriech‘n… Doch da is‘ auch alles voller Gestrüpp.“
„Ist euch aufgefallen, wie geordnet das alles aussieht?“ Nadav ging am Waldrand entlang und beäugte die Bäume. „Es scheint so, als wären die alle systematisch angelegt worden.“
„Du hast recht!“, entgegnete Ephraim. „Das kann kein Zufall sein. Da wollte jemand nicht, dass man hinein kommt.“
„Woher wisst ihr eigentlich, dass dahinter ein Sumpf – und dann hoffentlich das Verheißene Land liegt?“, wollte Mirjam wissen.
„Wir haben alles genau inspiziert, als wir mit den Vögeln drüber geflogen sind.“, antwortete Ephraim. „Und Jedediah hat es auch berichtet.“
„War er denn hier?“, fragte Rut erstaunt.
„Ja! Er meinte, dass vor vielen Jahren die Weisen hierdurch gekommen sind.“, erklärte Ephraim.
„Aber dann muss es ‘n Weg geb’n. Müssen ihn nur finden…“, sagte Shimon.
„Also auf! Suchen wir…“, rief Rut. „Irgendwo muss der Durchgang sein.“
Gesagt. Getan.
Es dauerte eine ganze Weile. Doch dann hörte Mirjam, wie Nadav laut rief.
„Ich glaube, ich habe ihn gefunden! Kommt schnell her!“
Die anderen rannten zu Nadav. Und tatsächlich! Hinter einigen Zweigen konnte man sehen, dass es etwas mehr Platz zwischen den Bäumen gab.
„Ist schon ‘ne Weile her, als die Weisen hier war’n, was?“, sagte Shimon.
„Wisst ihr, an was mich das erinnert?“, fragte Mirjam, bevor sie selbst die Antwort gab. „An die unscheinbare Tür! Wenn man nicht weiß, dass hier ein Eingang sein soll, würde man ihn niemals finden. Wer kommt schon auf die Idee, hier danach zu suchen?“
Rut und Nadav nickten, während Ephraim schon dabei war, Zweige und Äste abzubrechen, die den Eingang versperrten. „Lasst uns diese unscheinbare Tür großräumig frei machen, damit sie andere sehen, wenn sie hierher kommen!“
„Hervorragende Idee!“, sagte Nadav und half ihm. Auch die anderen schlossen sich ihm an und nach einigen Minuten war tatsächlich ein Eingang zu erkennen.
„Na dann! Auf geht’s. Geh ich mal vor…“. Shimon zog sein Hut etwas tiefer ins Gesicht, um sich vor Zweigen zu schützen, und ging los.
Die anderen folgten ihm.
Der Weg war alles andere als angenehm. Wegen dem wenigen Platz gingen sie hintereinander und die meisten Zeit geduckt. Mirjam war froh, dass die Männer vorangingen, da sie schon einige Zweige und Äste so umknickten, dass es für sie und Rut einfacher war. Immer wieder hörte sie, wie einer von ihnen etwas vor sich her murmelte, weil er gerade wieder einen Zweig abbekommen hatte oder mit der Kleidung hängengeblieben war.
Sie kamen nur sehr langsam voran. Und mehrere Male stoppte Shimon, um zu schauen, in welche Richtung es weiterging. Zweimal mussten sie sogar einige Meter zurück, weil sie den vermeintlichen Weg versehentlich verlassen hatten. Keiner von ihnen sprach groß etwas. Jeder war darauf konzentriert, nicht hängenzubleiben und dem Gestrüpp auszuweichen.
Doch – und das war das einzig ermutigende – der Wald war zwar dicht, dunkel und nur langsam zu begehen, aber dafür war er nur sehr schmal. So kam es, dass sie nach einigen hundert Metern schon das Ende des Waldes ausmachen konnten.
Aber was würde sie dort erwarten? Mirjam spürte, wie angespannt sie war. Schon nach kurzer Zeit im Wald hatte sie sich einen Pullover aus ihrem Rucksack geholt und übergezogen, da es hier um einiges frischer war als noch außerhalb. Jetzt, als sie den Wald schon beinahe durchschritten hatten, wurde das Klima feuchter und es kühlte noch mehr ab. Sogar Nebel stieg vom Boden auf. Mirjam schauderte. Umso mehr sie dem Ende des Waldes entgegenkamen, wurde der Nebel stärker.
Dann war es soweit, sie ließen die letzten Bäume hinter sich und schauten auf die Landschaft, die sich vor ihnen auftat. Aufgrund des Nebels war allerdings nicht viel zu sehen. Hier und da waren kleine Tümpel, aus denen Gras herauswuchs. Der Boden war ziemlich schlammig.
Sie blieben erstmal stehen, um sich zu orientieren. Doch das gestaltete sich als schwierig, weil die Sicht sehr beschränkt war. Nadav hatte einen Kompass in der Hand. „Hier zu unserer Linken sehen wir sehr verschwommen das nördliche Gebirge. Die hohen Berge zu unserer Rechten sind durch den Nebel nicht zu sehen. In jedem Fall müssen wir darauf achten, dass wir uns östlich halten. Bei diesem Nebel wäre es fatal, wenn wir uns verlaufen würden.“
Langsam setzte sich die Gruppe in Bewegung. Der Schlamm machte das Gehen mühsam. An manchen Stellen sanken die Schuhe Zentimetertief ein. Und immer waren sie darauf bedacht, nicht versehentlich in einen der Tümpel zu treten, die sich nur wenig vom übrigen Gelände unterschieden.
Ein Weg war in dieser Gegend nicht wirklich auszumachen. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich ihren eigenen zu bahnen. Doch teilweise war das frustrierend, da es an manchen Stellen zu matschig wurde und sie einige Meter zurückgehen mussten, um es woanders zu probieren. Nadav war stets darauf bedacht, mit Hilfe des Kompasses die Orientierung zu behalten.
„Ich wusste es!“, rief plötzlich Ephraim. „Der Sumpf ist nicht einfach ein Sumpf. Er hat einen Grund. Na jetzt bin ich gespannt…“
Erst jetzt sah Mirjam, was Ephraim meinte. Ein großer Felsblock stand einige Meter vor ihnen. Und man konnte sofort sehen, dass er nicht zufällig hier war. Der Felsen war an seiner Vorderseite flach und einige Texte waren dort eingraviert.
„Was ist das?“, sagte Rut. „Sieht aus wie ein riesiger Grabstein.“
„Na, hoffentlich nich‘.“, entgegnete Shimon. „Wär‘ nich‘ so mutmachend.“
Der Felsen war circa zwei Meter hoch und etwa einen Meter breit. Ephraim und Rut waren schon dabei, die Texte zu inspizieren.
„Hä, was soll das?“, sagte Rut stutzig.
„Was steht dort?“, wollte Mirjam wissen.
„Es geht um Übersetzungsfehler im Neuen Testament.“, antwortete Rut. „Matthäus 5 Vers 34, Markus 7 Vers 19, Offenbarung 22 Vers 14,… ganz viele Stellen werden hier aufgelistet, in denen Texte falsch übersetzt wurden oder sogar etwas hinzugefügt wurde. Das ist ja heftig…“
Mirjam trat nun auch zum Felsen, um sich mit ihren eigenen Augen zu überzeugen. Zu jeder aufgeführten Stelle gab es Parallelstellen aus der Bibel oder die gleichen Stellen aus anderen Bibelübersetzungen, die zeigten, dass es mit der angeführten Übersetzung einen Widerspruch ergab. „Damit erklärte er alle Speisen für rein“ oder „Selig sind, die ihre Kleider waschen“ waren zum Beispiel Satzteile, die eigentlich nichts in den Bibelübersetzungen zu tun hatten. Teilweise wurden sogar mehrere Verse zu einem Text hinzugefügt.
„Das gibt es doch nicht…“, sagte Mirjam schockiert.
Ephraim, Nadav und Shimon hüllten sich ins Schweigen. Doch es war ihren ernsten Blicken anzusehen, wie es auch in ihnen arbeitete.
„Auf weiter!“, forderte Ephraim dann die Gruppe auf. „Lasst uns fokussiert bleiben! Wir haben ein Ziel und umso schneller wir hier aus diesem Gebiet wieder draußen sind, umso besser!“
„Du hast Recht!“, reagierte Nadav und ließ den Felsen seitlings liegen. Die anderen folgten ihm. Doch Mirjams Gedankengänge überschlugen sich. Wie kann das sein, dass ich meine Bibel aufschlage und mir nicht sicher sein kann, ob die Texte der Wahrheit entsprechen? Teilweise schienen die Fehler beinahe mutwillig. Sie hatte sich ein paar der Stellen gemerkt, um dies später selbst nachprüfen zu können.
Es dauerte nicht lange – Mirjam war noch gedanklich bei diesem Felsen, da kamen sie schon zu einem weiteren. Zunächst zögerte sie kurz, doch nachdem sich die anderen den eingravierten Texten auf diesem etwas kleineren Felsen gewidmet hatten, folgte auch sie und begann zu lesen.
Erneut waren die Inhalte der Texte sehr aufwühlend. Mirjam fiel es sehr schwer, sie in ihr bisheriges Glaubenskonzept einzuordnen.
Es ging um Forschungen rund um das Neue Testament. Zu Beginn wurde eines der bekanntesten christlichen Nachschlagewerke zitiert (Interpreter’s Dictionary of the Bible, Keith R. Crim an George A. Buttrick, Abingdon Press, Oktober 1976). In diesem wurde von einer Studie berichtet, bei der 150 griechische Manuskripte des Lukasevangeliums untersucht wurden. Dabei sei herausgekommen, dass es nicht einen einzigen Satz gab, der in allen gleich war.
Ein anderer Abschnitt handelte von Josh McDowell, einem bekannten christlichen Theologen, der eine Studie zitierte, bei der 400 der besten Manuskripte des Neuen Testaments eingehend geprüft wurden. Diese ergab nicht nur, dass 200.000 Veränderungen auftraten. Des Weiteren zeigte sich, dass die besten 50 der Manuskripte überhaupt nur sehr ähnlich im Sinne der Statistik waren.
Weiter lasen sie auf dem Stein, dass es anscheinend Verse aus dem Neuen Testament gäbe, die in allen derzeitigen Bibelübersetzungen eindeutig den Schriften des Alten Testamens widersprechen. In diesem Zusammenhang wurden zum Beispiel Apostelgeschichte 7,16 und 1.Korinther 10,8 angegeben.
Mirjam war ungefähr bei der Hälfte des eingravierten Textes angekommen. Doch viel weiter wollte, nein, konnte sie nicht mehr lesen. Sie musste aufhören. „Tut mir leid! Aber ich glaub, das wird mir zu viel. Wie kann das alles sein? Und was hat das mit unserem Weg zu tun?“
In ihrem Kopf schien sich alles zu kreisen. Sie machte ein paar Schritte nach hinten und schien leicht zu taumeln.
Rut kam schnell zu ihr, um sie zu stützen. Auch ihre Stimme war mit Unbehagen gefüllt: „Ja, ich finde, wir sollten weitergehen. Mir gefallen diese Steine auch nicht.“
Ephraim und Nadav nickten. Und auch Shimon wandte sich vom Felsen ab. Ohne irgendwelche Widerworte wandten sie sich vom Felsen ab und suchten weiter einen Weg nach Osten. Doch die Stimmung war gedrückt. Jeder der fünf war tief in Gedanken versunken, um das Gelesene irgendwie zu verarbeiten.
Konnte das alles stimmen? Mirjams Kopf schien vor lauter Fragen zu platzen. Sie war völlig verwirrt.
Und zu allem Überfluss passierte dann etwas, was die Lage nicht einfacher machte.
Mirjam war noch ziemlich in Gedanken versunken. Immer wieder richtete sie ihren Blick nach vorne, weil sie sehnsüchtig das Ende dieses Gebietes erwartete. Doch das hatte zur Folge, dass sie nicht mehr auf den Boden konzentriert war. Und so machte sie plötzlich einen folgeschweren Schritt – mitten in einen der schlammigen Tümpel.
Begleitet von einem lauten Schrei sackte sie mit einem Bein tief in den Matsch und fiel dann nach vorne um.
„Ahhhh…. Oh, nein. Das gibt’s doch nicht…“
Schnell kamen die anderen und halfen ihr, sie aufzurichten und aus dem Schlamm zu ziehen.
Völlig verdreckt und niedergeschlagen saß sie auf dem Boden.
Nadav hatte ein Handtuch aus seinem Rucksack geholt und Rut half Mirjam, damit den Schmutz abzuwischen. Vor allem ihr eines Bein war nass und völlig verschlammt. Die anderen versuchten, Mirjam zu ermutigen. Doch sie wiegelte ab. „Ist nicht schlimm… Es geht schon. Ich denke, wir können weiter.“
Das klang zwar alles andere als überzeugend, aber trotzdem stand Mirjam auf und deutete an, dass die anderen weitergehen sollten. Und sie war froh, als sie dies nach großem Zögern endlich taten.
Natürlich war Mirjam frustriert. Ihre Motivation für diese Gegend ging deutlich gegen Null. Doch gerade das gab ihr die Kraft, weiterzugehen – sie wollte endlich raus und ins Verheißene Land. Und schmutzige und verschlammte Klamotten würden sie jetzt nicht davon abbringen.
Nach einigen Minuten hatte sie die Umstände einigermaßen verdrängt und war wieder bei den Gedanken, die sie schon zuvor begleitet hatten. Sie war so froh, dass Rut mit dabei war und gerade an ihrer Seite lief.
„Wie kann das sein, Rut? Unser ganzes Leben haben wir der Bibel vertraut. Und jetzt wissen wir nicht mehr, was davon stimmt und was nicht.“, sagte Mirjam.
„Übertreibst du es nicht ein wenig…?“, antwortete Rut vorsichtig.
„Warum? Wenn das stimmt, dass es dort so viele Fehler gibt, wer sagt mir dann, was richtig und was falsch ist?“
„Aber… Du kannst doch dann nicht direkt alles hinterfragen. Ich finde…“ Doch weiter kam Rut nicht. „Mirjam!!! Oh, nein…“
Es war wir in einem schlechten Film. Wie ein Déjà-vu. Mirjam hatte während des Gesprächs zu Rut geschaut und in diesem Moment der Unachtsamkeit trat sie wieder mit einem Fuß in tiefgehenden Matsch und verlor dadurch das Gleichgewicht. Dieses Mal fiel sie so unglücklich zur Seite, dass sie mitten hinein in einen der Tümpel fiel.
Schnell hatte Rut Mirjams Arm gefasst und versuchte sie herauszuziehen. „Schnell! Helft mir… Ich kann sie nicht halten.“
Ephraim und Nadav hatten sich umgedreht und stürzten nun die wenigen Meter zurück zu den beiden Frauen. Auch Shimon, der hinter ihnen gelaufen war, eilte hinzu.
Bis zur Hüfte war Mirjam tief im Schlamm. Mit großer Anstrengung konnten sie sie langsam herausziehen.
Erschöpft blieb Mirjam auf dem Boden liegen. Sie konnte nicht mehr. „Wie kann man denn so viel Pech haben? Das kann doch echt nicht sein…“, murmelte sie.
Die anderen wussten nichts zu entgegnen. Auch sie waren sprachlos. Rut kniete sich neben Mirjam.
Dieses Mal dauerte es eine Weile, bis Mirjam wieder die Kraft fand, weiterzugehen.
„Wir bleiben jetzt dicht bei dir. Einer links, einer rechts.“, sagte Ephraim.
„Und ich geh‘ voraus!“, deutete Shimon. „Schau, dass du nur da läufst wo ich lauf‘!“
Genauso machten sie es. Nadav lief zu Mirjams Linken und Ephraim auf der anderen Seite. Rut folgte ihnen. Mirjam wiederholte in ihren Gedanken nur noch Durchhalteparolen. Sie blickte müde nach vorne und versuchte, den gleichen Weg zu wählen, den Shimon ging.
Doch zu ihrer aller Bestürzung halfen diese Sicherheitsvorkehrungen nicht, um Mirjam vollständig vor dem nächsten Zwischenfall zu bewahren. Erneut hatte es mit der Bodenbeschaffenheit zu tun. Plötzlich sackte Mirjam knöcheltief in Schlamm ein und stolperte. Allerdings war dieses Mal Ephraim zu Stelle. Er reagierte blitzschnell und griff nach Mirjams Arm. Dadurch konnte er immerhin verhindern, dass Mirjam erneut fiel.
„Das gibt’s doch nicht!“, Nadav war entsetzt. „Wie kann das sein?“
„Ich weiß nicht… Ich weiß nicht…“ Mirjam kam den Tränen nahe. Rut kam und legte ihren Arm um sie.
„Hier ist etwas faul! Sie ist den gleichen Weg gegangen wie Shimon.“, analysierte Ephraim. „Ich glaube sogar, er ist auf die gleiche Stelle getreten wie Mirjam.“
„Warum is‘ bei mir dann nich‘ eingesackt?“, fragte Shimon.
„Das ist es ja gerade! Ich verstehe es nicht…“, sagte Ephraim.
In der unmittelbaren Nähe lagen größere Steine auf dem Boden, auf die sich Rut und Mirjam setzten. Mirjam hatte ihre Stirn auf ihre Arme gestützt. Dann hob sie ihren Kopf etwas und blickte auf den Boden. „Ich weiß nicht, ob ich weitergehen kann! Das ist alles ganz schön heftig!“
Keiner der anderen wusste in diesem Moment etwas zu entgegnen. Jeder hatte für Mirjams Aussage Verständnis.
„Tja, da sitz‘n wir…!“ Auch Shimon ließ sich auf einen der Steine nieder. „Versuch’n wir das Positive in dieser Situation zu finden? Wir haben schon ein‘ Großteil geschafft, auch wenn jetzt halt mal Sackgasse is‘. Alle von uns leb’n und wir sind nich‘ zerstritten. Ich weiß nich‘, wie es euch geht. Kenn solch‘ Situationen zu genüge. Meistens ists ‘n guter Zeitpunkt für Gebet.“
„Ja, du hast recht!“, sagte Nadav. „Beten ist jetzt wohl das Wichtigste – und das einzig Sinnvolle!“
Und das taten sie. Jeder spürte dabei, wie es ihm neue Kraft und Hoffnung gab. Mirjam wurde langsam ruhiger und sie vertraute darauf, dass der himmlische Vater eine gute Lösung parat hatte.
Womit sie aber nicht rechnete, war, dass diese schon so schnell kam. Es passierten zwei Dinge und das eine war überraschender als das andere.
Zunächst war es Ephraim, der plötzlich aufmerkte. „Pssst, seid mal leise.“, flüsterte er. „Ich glaube ich hör etwas…“ Dann runzelte er seine Stirn. „Das sind… Kinder!“
„Ich fass es nich‘!“, Shimon schaute mit offenem Mund in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Doch aufgrund des Nebels konnten sie nur wenige Meter weit sehen. Menschen waren nicht zu erkennen.
„Halloooo! Hier sind wir…!!!“, rief nun Rut laut in den Nebel hinein.
„Ja…!“, sie hörten ein belustigtes Lachen einer Frau. „Wir sehen euch doch. Gleich sind wir da.“
„Das ist Rinah!“ Mirjam richtete sich auf und blickte ebenfalls in die Richtung, aus der die Stimmen kamen. „Aber warum können sie uns sehen?“
Plötzlich waren zuerst die Umrisse und dann fünf bekannte Personen sichtbar – zwei Erwachsene und drei Kinder, wobei Naema auf der Schulter von Gideon saß.
„Wo kommt ihr denn her? Und wie habt ihr uns gefunden?“, fragte Nadav verdutzt.
„Im Zeltlager sagten sie uns, dass ihr den Weg durch den Wald genommen habt. Dort haben wir schnell den Eingang und anschließend viele durchgebrochene Zweige gefunden. Ihr habt ja eine richtige Schneise geschlagen.“, erklärte Gideon. „Naja, und dann hier war es nicht ganz so schwer. Wir haben uns an den Bergketten orientiert und sind dann immer weiter nach Osten gegangen. Schließlich haben wir euch schon von weitem gesehen.“
„Was?“, sagten Rut und Ephraim fast zeitgleich. „Wie konntet ihr uns denn aus der Ferne sehen?“, fragte Rut weiter.
Gideon und Rinah schauten etwas irritiert und verstanden nicht so recht, was Rut damit meinte. Dann fiel Rinahs Blick auf Mirjam. „Oh, was ist denn mit dir passiert? Bist du gestürzt?“ Sie setzte sich neben Rinah und Mirjam erklärte in kurzen Sätzen, was passiert war.
„Ich verstehe das nicht!“, sagte Nadav. Auch Ephraim schien noch am Grübeln zu sein. „Warum könnt ihr in diesem Gebiet so gut sehen, während wir völlig im Nebel tappen?“
„Keine Ahnung!“, antwortete Gideon. „Ich weiß nicht… Ehrlich gesagt, sehe ich auch jetzt noch keinen Nebel.“
„Bitte…?!“, rief Rut. Shimon stand die ganze Zeit ruhig da und sagte nichts. Er war einfach nur perplex.
„Was könnt ihr denn sehen, wenn ihr hier nach Süden schaut?“ Nadav schaute von seinem Kompass auf und zeigte in südliche Richtung. Dabei sah er nichts als Nebel vor sich.
„Äh…“, Rinah schaute unsicher von Nadav zu Rut und dann in die Richtung in die Nadav zeigte. „Also… hier direkt vor uns liegen viele Wiesen, die teilweise unter Wasser stehen. Ich denke mal, das kommt vom vielen Regen!?“, erneut blickte Rinah fragend in die Runde.
Doch bevor sie weiterreden konnte, unterbrach Ephraim und wandte sich an den ältesten Sohn von Gideon und Rinah. „Moment! Daniel, kannst du uns sagen, was du dort siehst? Erkennst du auch Wiesen?“ Ephraim beugte sich an seinem Wanderstab etwas zu dem Jungen herunter.
„Ja. Und Berge.“, antwortete dieser knapp.
Ephraim schaute irritiert zu Nadav. Auch Rut, Shimon und Mirjam blickten sich stumm gegenseitig an.
„Heißt das etwa, dass ihr die Wiesen und Berge nicht sehen könnt?“. Gideon runzelte die Stirn und schaute zu Nadav.
„Nein, wir sehen hier nichts als Sümpfe, Matsch und Nebel!“, erklärte Nadav. „Ich kann zwar anhand meiner Karte erkennen, dass dort tatsächlich Berge sein müssen, aber ich kann sie nicht sehen.“
Mit größter Verwunderung schauten sie sich gegenseitig an. Was geschah hier bloß?
In diesem Moment geschah das zweite Unerwartete.
„Entschuldigt…“. Ein junger Mann mit zerrissenen Hosen erschien plötzlich hinter einigen mittelhohen Büschen. „So wie sich das anhört, könnt ihr Hilfe gebrauchen.“
Mirjam schätzte den Mann auf zwanzig. Sein Bart ließ ihn allerdings um einiges älter erscheinen. Er war relativ dünn, hatte einen dunklen Teint und seine Kleidung sah ziemlich mitgenommen aus. Doch – und das war überaus auffällig – der Mann erschien hellwach. Sein Blick war scharf und durchdringend.
Ephraim trat einen Schritt auf den Mann zu. „Wer bist du? Und was machst du hier?“
„Ich bin Dov. Ich erforsche das Land!“
„Und was machst du in diesem Sumpf?“, wollte Ephraim weiter wissen.
„Für manche ist es Sumpf, für andere ein Erholungsgebiet.“ Dov grinste breit.
„Ich finde es schön, dass du uns helfen möchtest, Dov.“, sagte nun Rut. „Du scheinst dich hier gut auszukennen.“
„Ja, so kann man es ausdrücken.“
„Der Sumpf hat etwas mit dem Neuen Testament zu tun, stimmt’s?“ Mirjam die noch immer auf dem Stein saß, schaute fragend zu Dov.
„Mit dieser Erkenntnis hast du schon einen großen Schritt gemacht. Die Frage ist, warum manche diesen Ort bedrohlich finden und andere nicht?!“
„Dann muss es etwas mit unserer Sicht auf das Neue Testament zu tun haben…“, überlegte Rinah laut. Dov lächelte nur.
„Naja…“, sagte Nadav. „Die Steintafeln stehen ja nicht aus Zufall hier. Wir haben dort gelesen, wie sich einige Verse aus dem Neuen Testament anderen aus dem Alten Testament zu widersprechen scheinen. Keine Ahnung, ob aufgrund der Übersetzung oder was auch immer…“
„Richtig!“, Dov schaute eindringlich zu Nadav. „Und weiter? Was ist die Grundlage? Was war zuerst da?“
„Die Schreiber der NT-Texte haben auf der Grundlage des Alten Testaments – oder des Tanachs, wie man ja sagt – geschrieben. Wenn sie über die Schriften gesprochen haben, meinten sie damit den Tanach.“, antwortete Gideon.
Dovs Augen funkelten. „Nichts!! Versteht ihr, absolut nichts darf der Grundlage widersprechen! Alles muss im großen Kontext gesehen werden. Viele Stellen im Neuen Testament werden falsch verstanden, wenn man sie nicht im Blick auf den Tanach interpretiert. Und wenn du eine falsche Grundlage hast, dann wirst du in dieser Gegend nicht weit kommen. Es zieht dir den Boden unter den Füßen weg. Dein Weg endet hier oder in einem der Tümpel!“
Mirjam hatte noch etwas Probleme, sich mit der Art dieses Mannes anzufreunden. Er wirkte ziemlich speziell. Doch das was er sagte, erschien logisch.
Rinah runzelte die Stirn und schaute zu ihrem Mann, Gideon. „Was ein Zufall, oder?“ Dann richtete sie sich an die anderen. „Genau über diese ganzen Themen haben wir heute Morgen mit Neria und Jedediah gesprochen.“
„Aber das ist doch DIE Lösung!“, rief Mirjam, die nun wieder hoffnungsvoller war. „Darum seht ihr die Landschaft hier ganz anders, viel freundlicher. Ihr konntet ohne Angst hier durchspazieren. Und ich auf der anderen Seite bin ständig gestürzt. Meine Basis ist – oder war – noch nicht optimal. Für mich ist das alles neu und mir schwirrt der ganze Kopf. Ich werde das alles erstmal sortieren müssen. Aber es macht natürlich alles Sinn.“
„Ja, du hast Recht! So setzen sich die Puzzleteile zusammen.“, sagte Nadav begeistert.
„Schaut mal.“, unterbrach Shimon. „Seht ihr das auch? Nebel hat sich verzog‘n. Kann jetzt die Berge im Süden erkenn‘n.“
Voller Erstaunen blickten sich Mirjam, Nadav, Ephraim und Rut um. Sie bestätigten, dass auch sie nicht mehr so viel Nebel sehen konnten.
Ephraim ging auf Mirjam zu, die noch immer saß, und streckte ihr seine Hand entgegen: „Was denkst du? Kann es weitergehen? Bist du bereit?“
Für einen kurzen Moment war Mirjam wie versteinert. Es gab nicht viele Dinge, mit denen sie weniger gerechnet hätte. Doch dann griff sie nach Ephraims Hand und ließ sich aufhelfen. „Klar! Auf geht’s!“ Sie riss sich zusammen und lächelte Ephraim selbstbewusst an, so dass dieser nun verdutzt schaute.
„Kommt mit!“, rief Dov. „Ich zeig euch den schnellsten Weg. Keiner kennt sich hier so gut aus, wie ich.“ Er ging schon los und die Gruppe beeilte sich, ihm zu folgen.
„Dov, warum kennst du dich denn hier so gut aus?“, wollte Rinah wissen.
„Mein Bruder und ich haben das Land viele Monate erkundet. Wir waren müde, darauf zu warten, dass andere mitkommen würden. Also machten wir uns alleine auf.“
„Warst du denn auch schon im Verheißenen Land?“, fragte Rut.
„Ja, das war ich!“, Dov grinste bis über beide Ohren. Es war deutlich, dass er dieses Thema nicht weiter ausführen wollte.
Nachdem sie einige Minuten gegangen waren, veränderte sich auch aus Mirjams Sicht mehr und mehr das Landschaftsbild. Es erschienen Wiesen und der Matsch war beinahe verschwunden. Anstatt dreckiger Tümpel sah sie nun große Wasserlachen.
Mirjam spürte, dass sie wieder viel gefasster wurde und die Anspannung verschwunden war. Die Erkenntnis, dass die Torah das Fundament ist, auf der alle anderen Schriften aufbauen, machte für sie Sinn. Doch es war noch immer ein schwieriger und fremder Gedanke, mit dem sie sich erstmal anfreunden musste.
Noch zwei Mal kamen sie an einem beschrifteten Felsen vorbei, was Mirjam jedes Mal unruhig werden ließ. Beim ersten fing Dov schon an zu erzählen. „Hier geht es um eine Studie über die Sinai Bibel…“
Doch Ephraim unterbrach Dov. „Tut mir leid, Dov. Ich glaube für heute haben wir alle genug.“
Beim zweiten Felsen sagte keiner mehr etwas. Sie versuchten ihn zu ignorieren. Doch im Vorbeigehen, hatte Mirjam – eigentlich ungewollt – die groß angebrachte Überschrift gesehen.
Hesekiel 18 und 33 prangerte dort in großen Buchstaben.
Doch Mirjam hatte sie schon schnell wieder verdrängt. Sie sehnte sich so sehr nach einer Möglichkeit zum Ausruhen.
„Dov. Gibt es hier in der Nähe einen guten Platz, auf dem wir unsere Zelte aufschlagen können?“, fragte Nadav. „Bald geht die Sonne unter. Und wir sind alle ganz schön müde.“
„Ja, da führe ich euch gerade hin. Das Sumpf-Gebiet, oder wie auch immer ihr das jetzt nennen wollt…“, wieder grinste Dov übers ganze Gesicht, „Also, aus dem Gebiet sind wir so gut wie draußen. Und wenn wir hier die kleine Anhöhe geschafft haben, kommen wir auf eine Ebene, von der aus man einen wunderschönen Ausblick hat. Es wird euch gefallen…“
Mirjam hoffte, dass Dovs Grinsen ein gutes Zeichen für sie war. Ganz konnte sie ihn noch nicht einschätzen. Aber bisher war er ein großer Segen für sie gewesen. Auf jeden Fall war sie überglücklich, den großen Sumpf gleich hinter sich gelassen zu haben.
Und dann war es soweit. Sie hatten es geschafft. Und nicht nur das!
Sie standen auf der Anhöhe und vor ihren Augen erstreckte sich eine herrliche Landschaft.
„Das Verheißene Land…“, flüsterte Ephraim, der direkt neben Mirjam stand.
Und erst dann begann sie zu realisieren, was für ein außergewöhnlicher Moment dies war. Sie blickten hinab auf Wiesen, Wälder und Flüsse. Irgendwo dort fing das Verheißene Land an. Würde ihr aller Traum nun bald in Erfüllung gehen?
Minutenlang stand jeder von ihnen regungslos da und schaute bewegt auf ihr gemeinsames Ziel.
Nicht nur Mirjam waren dabei die Tränen gekommen.
…
Weiter geht es in Teil 15…
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